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Problembasiertes Lernen an der Dental Faculty der University of Hongkong

An der Dental Faculty der University of Hongkong ist die vorherrschend dominierende Lernform das sogenannte PBL, was Problembasiertes Lernen bedeutet. Bei dieser praxisorientierten Unterrichtsform stehen die Studenten mit ihrem Lernprozess im Mittelpunkt. Das Ziel ist, weitgehend selbständig Lösungen für klinisch relevante Fragestellungen zu finden. Die Grundprinzipien sind in verschiedene Bildungsbereiche und Fachgebiete übertragbar. Schauen wir uns diese Lernform der Dental Faculty der University of Hongkong näher an.

Fotos: Martina Schriber

Studenten der Dental Faculty der University of Hongkong mit PBL-Tutor.


Was ist PBL?
Studenten erhalten eine komplexe schriftliche Problemstellung aus dem Fachgebiet Zahnmedizin. In einer Kleingruppe von idealerweise fünf bis acht Teilnehmern werden weitgehend selbständig Lösungen erarbeitet. Ein speziell für diese Unterrichtsform ausgebildeter PBL-Tutor, der selber Experte des Fachgebietes ist, moderiert diese Unterrichtsform. Charakteristisch für PBL ist ein selbstbestimmtes und entdeckendes Lernen im handlungsorientierten Unterricht mit fächerübergreifenden Lernaspekten und Selbstevaluation. Die Neugier und das Interesse am lebenslangen und selbstverantwortlichen Lernen sollen geweckt werden.

Ausgangslage PBL
Ausgangspunkt im PBL bildet in der Regel eine komplexe schriftliche Problemstellung aus dem Fachgebiet Zahnmedizin – klassischerweise eine spezielle klinische Fallsituation. Zunächst werden die im Text erscheinenden Begriffe im Sinne von einfachen Vokabelfragen von den Teilnehmern selbst geklärt. Allenfalls schreitet der PBL-Tutor bei diesem Prozess unterstützend ein. Dann definieren die Teilnehmer die Problemstellung mit den zentralen Fragestellungen zum klinischen Fall. Vorhandenes Wissen wird aktiviert.

Hypothesen generieren und Lernziele formulieren
Im nächsten Schritt werden Hypothesen formuliert, die zur weiteren Bearbeitung des Textes dienen können. Wie kam es zu diesem konkreten Problem? Müssen weitere Informationen erhoben werden? Und entscheidend: Wie können diese Probleme gelöst werden? Es wird zu diesem Zeitpunkt ein wertfreies Brainstorming gemacht.
Nun werden die Hypothesen diskutiert und geordnet. Es werden Lernziele und -fragen festgelegt. Die Lernziele decken die in den vorangegangenen Schritten offengelegten Wissensdefizite ab und erlauben den Text abschliessend zu bearbeiten, d. h. die im Text geschilderten Probleme zu lösen.


Auf dem Weg zum Victoria Peak mit Blick auf den Victoria Harbour.

Recherche und Synthese
Nun betreibt jeder Teilnehmer selbstständig oder in Kleingruppenarbeit Recherche. Diese erfolgt primär im Internet. Es werden Artikel aus Fachzeitschriften studiert sowie in Büchern nachgelesen. Die Ergebnisse dieser Recherche werden zusammengetragen und evaluiert. Es wird eine Synthese erarbeitet. Die gewonnenen Erkenntnisse werden gemeinsam mit dem PBL-Tutor diskutiert. Das neu erworbene Wissen wird ausgetauscht und der Lernprozess wird reflektiert.

Mögliche PBL-Nachteile
Einzelne Teilnehmer können durch passives Verhalten in der Kleingruppe untergehen. Eine Benotung der Teilnehmer nach erfolgter PBL-Session kann dazu beitragen, dass wichtige PBL-Aspekte wie Selbständigkeit, Eigeninitiative und Motivation gefördert werden. Bei der Implementierung von PBL-basiertem Unterricht muss die Universität in erster Linie einen erhöhten organisatorischen und finanziellen Aufwand betreiben. Es braucht ein komplett neues Curriculum, PBL-Tutoren müssen ausgebildet werden und es sind mehr Seminarräume als üblich notwendig.

PBL-Ziele
Ein Thema oder eine konkrete Problemstellung aus dem Berufsalltag wird thematisiert. Die Teilnehmer einer PBL-Kleingruppe sollen so grundlegende Zusammenhänge in Bezug zu einem gegebenen zahnmedizinischen Problem erarbeiten und verstehen. Geeignete Informationsquellen zur Analyse werden beigezogen. Bestehendes Wissen wird aktiviert, Lernfragen werden selbständig formuliert und neues Wissen zur Problemlösung erarbeitet.
Insbesondere zu Beginn ist es nicht das Ziel, eine konkrete Diagnose zu stellen. Kreatives und kritisches Denken in der Kleingruppe werden angeregt.
Der das PBL-Seminar leitende Tutor stellt offene Fragen und unterstützt den ablaufenden Lernprozess und hält sich in erster Linie mit seinem eigenen Wissen zurück.
In den PBL-Sessionen wird der Lernstoff problemorientiert und fächerübergreifend vermittelt und erfolgt ausserhalb von traditionellen Unterrichtsfächern. Der Interdisziplinarität dieses Ansatzes entsprechend werden die einzelnen zahnmedizinischen Fächer – gruppiert in thematische Blöcke – diskutiert. Traditionelle Lehr- und Lernmethoden, wie zum Beispiel die klassische Vorlesung, können durch PBL nicht ersetzt werden, diese jedoch ergänzen.


Prof. Dr. Michael Bornstein, Clinical Professor in Oral and Maxillofacial Radiology, University of Hongkong, moderiert als PBL-Tutor eine PBL-Session in der Kleingruppe.

Softskills fördern
Von den Teilnehmern wird sowohl ein initiatives Verhalten als auch ein selbstgesteuertes, verantwortungsvolles Lernen gefordert. Fachliche sowie fächerüberschreitende Kompetenzen werden gefördert. Die soziale Kompetenz, Problemlösefähigkeit und Teamfähigkeit – Schlüsselqualifikationen der heutigen Zeit – werden gefördert.

Kontakt:
Dr. Martina Schriber
Klinik für Oralchirurgie
und Stomatologie
zmk bern
CH-3010 Bern
martina.schriber@zmk.unibe.ch


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