Na Mahlzeit
Vor mir sitzt eine dreißigjährige Patientin, die gerade dabei ist, ihren PhD zu machen. Also eine überdurchschnittlich intelligente Frau. Sie ist in der siebenten Woche schwanger und sehr besorgt. „Frau Doktor, ich weiß nicht, was ich essen soll!“
Da sie das dreißigste Lebensjahr unbeschadet erreicht hat und bereits einen gesunden Dreijährigen daheim herumtoben hat, frage ich sie: „Was haben Sie denn bisher gegessen? Beziehungsweise, wovon haben Sie sich denn in der ersten Schwangerschaft ernährt?“ „Daran kann ich mich nicht mehr erinnern.“ Naja, so lange, finde ich, ist das auch nicht her, aber wenn die Hormone auf Vollgas gehen, muss man sich nicht alles merken. Übel ist ihr nicht, also kann sie meinetwegen alles essen, was ihr schmeckt. „Kann ich Reis mit Kartoffeln essen?“ „Sicher können Sie das. Aber das ist doch ein bisschen eintönig und hat relativ wenig Proteine, Vitamine und Eisen.“ „Was wäre denn Protein?“ Uff. Nun wird es mühsam. Muss ich einer dreißigjährigen Mutter jetzt ernsthaft erklären, was Kohlehydrate und Proteine sind? Ja, ich muss. Das Spielchen geht übrigens weiter. Sie isst gerne Hühnchen. Ja, super. Fisch gerne auch. Aber sie möchte auch gerne ein Ei essen, darf sie das, wenn sie an dem Tag schon Huhn gegessen hat? „Es spricht nichts dagegen, am selben Tag Huhn und ein Ei zu essen“, beruhige ich sie (Das Huhn ist schon tot. Es wird sich nicht daran stören, dass Sie seine potenziellen Nachkommen verspeisen). Solche seltsamen Gedanken gehen mir dann durch den Kopf. Irgendwie pack ich es manchmal nimmer. Wie schaffen es die Leute heutzutage, erwachsen zu werden und zu überleben?
