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Anstatt zu Bohren gab es Notfallmedizin

Aussergewöhnliche Situationen und unvorhersehbare Entwicklungen erfordern oft spontane Aktionen und engagierte Menschen. So war es für Dr. Sandra Fatori, die eine Zahnarztpraxis im Zentrum von Zürich Wiedikon betreibt, nach Ausbruch der Corona-Pandemie eine Herzensangelegenheit, sich für den Corona-Einsatz im Spital Affoltern zu melden.

Covid-19

Rundum geschützt geht es in den Dienst – und zum Appell an die Bevölkerung.

ZZS: Wie kam es dazu, dass Sie als Zahnärztin für den «Corona-Einsatz» im Spital eingesetzt wurden?
Dr. Fatori:
In diesem Fall wurde ich nicht als Zahnärztin eingesetzt, sondern als Ärztin. 2013 habe ich ein Zweitstudium in der Humanmedizin an der Universität Zürich abgeschlossen. Allerdings war ich schon lange vor dem Abschluss in Medizin als Zahnärztin in eigener Praxis tätig. Als vor einigen Jahren die Swiss, Lufthansa und die Austrian Airlines das Programm «Doctors on Board» ins Leben gerufen haben, habe ich mich sofort als Ärztin registriert und bilde mich regelmässig für medizinische Notfälle im beengten Raum von Flugzeugen weiter.
Als der Bundesrat am 16. März die ausserordentliche Lage ausgerufen hat und dieser Umstand nur noch dringende Notfallbehandlungen in Zahnarztpraxen zuliess, war mir sofort klar, dass ich meiner ärztlichen Pflicht nachkommen muss. Unser Land stand plötzlich einem gefährlichen Feind in Form des Covid-19 gegenüber, der nicht mit klassischen Waffen geschlagen werden kann.
Mediziner und entsprechend geschultes Fachpersonal in der Notfallmedizin und in der Pflege wurden unmittelbar nach Ausbruch der Pandemie gebraucht. Ein mulmiges Gefühl bei der Vorstellung an ein volles Krankenhaus mit Covid-19-Patienten war das schon. Die schrecklichen Bilder und Berichte aus Italien und anderen Länder haben sich im Kopf festgesetzt. Es war eine Bauchentscheidung mich sofort für eine Stelle im Spital zu melden.
Es gab Aufrufe für Mediziner und Pflege über carenow.ch und über careanesth.ch. Dennoch habe ich mich zunächst bei meiner ehemaligen Ausbildungsstätte und ehemaligen Kommilitonen gemeldet. Vor Ort in Spitälern hatten diese die beste Übersicht über die jeweilige Situation. So kam es, dass mich innerhalb Wochenfrist eine sehr gute Freundin, mittlerweile Oberärztin in einem Spital, anrief und sagte: «Sandra, mach dich bereit zum ersten Morgenrapport, Du wirst jetzt gebraucht». Vor Ort erhielt ich meine Einweisung und Einsatzplanung.

 

           

Dr. Sandra Fatori war beim Corona-Notfalleinsatz im Spital Affoltern.

 

ZZS: Wie hat der Einsatz konkret ausgesehen? Wofür waren Sie zuständig?
Dr. Fatori:  Ich war als Notfallärztin auf der Notfallstation eingeteilt. Elektive Eingriffe waren natürlich auch im Spital untersagt, so dass auf den Bettenstationen nicht der reguläre Betrieb herrschte. Auf der Notfallstation gibt es einen Covid- und einen Non-Covid-Bereich. Die Kojen sind räumlich strikt voneinander getrennt.
Die Triage von Notfallpatienten über den Zivildienst erfolgte per Funk unter sehr strengen Kriterien. Vor dem Krankenhaus wurden «Abstrich Container» aufgestellt. Hier haben Studenten des 6. Studienjahres der Humanmedizin Rachenabstriche vorgenommen. In solch einem Fall musste ich den Patienten im Container untersuchen und die Anamnese erneut erheben und ein Gespräch führen. Das waren dann Situationen als Patienten nicht verstanden haben, warum sie nicht die Kriterien für einen Rachenabstrich erfüllten. Das Aufwendige daran war, dass der Container nur mit Schutzausrüstung betreten werden durfte. Das An-und Ablegen der speziellen Schutzkleidung unterlag strengen Protokollen. Hier war Fingerspitzengefühl gefragt,  um den Patienten ruhig und sachlich zu erklären, was häusliche Quarantäne bedeutet und ihnen somit so gut es geht die Angst zu nehmen.

ZZS: Lief es denn in der Non-Covid-Station normal weiter?
Dr. Fatori:  Auf der Non-Covid-Station lief der normale Notfallbetrieb weiter. Hier hatte ich mit verunfallten Patienten zu tun. Die häufigsten Unfälle waren z.B. Velo-oder Motorradunfälle, Verletzungen aufgrund von sportlichen Aktivitäten, Unfälle während Gartenarbeiten sowie Verletzungen an Fingern, Händen und Beinen. Ich habe auch Tierbisse und Kratzer behandelt, ebenso Riss-, Quetsch- und Schnittwunden.
Wenn die Rettungssanitäter eintrafen, hat man sich zuerst den Rapport angehört, die Pflege hat dabei die Vitalparameter erfasst. Als Ärztin habe ich die Befunde des Trauma-Patienten erhoben und den Leitenden Ärztinnen/Ärzten rapportiert. Bei den Velo- und Motorradunfällen häuften sich Verletzungen des Kopfes, des Mittelgesichts und der Kiefer. Hier konnte ich auch mein zahnärztliches Wissen einsetzen. Zudem habe ich Abszesse gespalten, Schnittverletzungen der Fingerkuppen genäht und allgemeine Wundversorgungen durchgeführt. Die leitenden Chirurginnen/Chirurgen haben mich schnell selbständig arbeiten lassen, da 15 Jahre klinisch chirurgische Erfahrung in der Zahnmedizin bei der Wundversorgung logischerweise hilfreich sind. Das Nähen einer Schnittverletzung am Finger ist dahingehend einfacher, weil die Platzverhältnisse im Vergleich zur Mundhöhle besser sind. Es gab nicht nur chirurgische Notfälle, sondern auch internistische. Hier musste ich mich wieder in die EKG-Auswertung als auch in den endlosen Katalog von Differentialdiagnosen einlesen. Ehrlich gesagt waren mir aber die chirurgischen Notfälle lieber. 

ZZS: Wie haben Sie die Gesamtsituation und die betroffenen Patienten erlebt?
Dr. Fatori:  Die Patienten waren verunsichert. Schon am Eingang hat der Zivilschutz die Covid-Anamnese erhoben und einen Mundschutz abgegeben. Manchmal kamen die Patienten wegen anderen Beschwerden und waren auch hier unsicher, ob sie überhaupt ins Spital hätten kommen sollen. Medienmitteilungen änderten sich zu Beginn der Pandemie im Stundentakt, es herrschte eine Ausnahmesituation, die so noch niemand kannte. Da ist quasi plötzlich ein Feind in Form des Covid-19 und er ist nicht sichtbar. Ausgehend vom Bundesrat bis über die Spezialisten in den jeweiligen Ämtern, von Berufsverbänden, Ärzten und der Pflege wurden sofortige Reaktionen und Stellungnahmen gefordert und erwartet. Das war in Anbetracht einer noch nie da gewesenen Situation äusserst schwierig. Die Unsicherheit der Patienten war für mich verständlich und nachvollziehbar. Retrospektiv betrachtet denke ich aber, dass alle einen guten Job gemacht und wir in allen Bereichen eine steile Lernkurve absolviert haben. Die hervorragende Arbeit konnte nur dank einer hervorragenden Ausbildung, auch und vor allem im Bereich der Virusbekämpfung, geleistet werden.

ZZS: Was hat Sie nachhaltig beeindruckt?
Dr. Fatori:  Beeindruckt hat mich die Zusammenarbeit mit der Pflege, den Ärzten und dem Zivilschutz. Alles lief koordiniert und ruhig ab. Es gab für jeden Ablauf eine eigens erstellte Checkliste, manchmal kam ich mir vor wie im Cockpit eines Flugzeuges. Die Kommunikation lief per Funk wie ein Gespräch zwischen Tower und Pilot und immer mit der Wiederholung, was man verstanden hat: z. B: 68-jähriger Patient mit Fieber und Husten wird in Container gebrach; over. – Verstanden, Patient, 68 Jahre mit Fieber und Husten ist im Container; over. Nun überlege ich mir eine Freisprechanlage in allen Behandlungszimmern meiner Praxis einzubauen. Das würde unsere Kommunikation sicher vereinfachen.

ZZS: Worüber waren Sie erstaunt oder geschockt?
Dr. Fatori:  Geschockt hat mich, wenn Patienten gestorben sind und Angehörige, diese nicht mehr besuchen konnten. Meistens weil sie zu weit weg wohnten und das Zeitfenster für den Abschied nicht eingehalten werden konnte. Das stimmte mich sofort nachdenklich. Da aber die Arbeit wartete, blieb nicht viel Zeit darüber nachzudenken. Der Prozess der Verarbeitung begann, ob man wollte oder nicht, erst am Abend, wenn der eigene Körper und Geist zur Ruhe kamen.

ZZS: Und was war die schlimmste Erfahrung?
Dr. Fatori:  Zu begreifen, dass der Tod jeden von uns unvorbereitet treffen kann und dass man sich rechtzeitig Gedanken über eine Patientenverfügung machen sollte.

ZZS: Haben Ihre Erlebnisse und die Ausbildung Auswirkungen auf Ihre Zahnarztpraxis während der Pandemie gehabt?
Dr. Fatori:  Bereits am Montag, den 16. März habe ich meinem Team schriftliche Weisungen gemäss meiner Ausbildung in der Katastrophenmedizin erteilt. Zudem haben wir sofort unsere Ein-und Austrittswege in der Praxis getrennt. Dazu haben wir separate Ein-und Ausgänge definiert. Weiterhin habe ich eine Covid-19-Anamnese erstellt und eine Online-Video-Sprechstunde gemäss telemedizinischer Ausbildung eingerichtet. Per Video Call erfolgte die Covid-19-Triage und Anamnese. Erst wenn klar war, dass der Patient wirklich ein Notfallpatient ist und auch die Covid-19-Anamnese negativ war, wurde der Patient in die Praxis einbestellt. Die Fiebermessung erfolgte schon per Video Call unter Anleitung der Patienten. Spielzeuge, Zeitschriften, Kaffeemaschine und andere Gegenstände haben wir sofort aus dem Wartezimmer entfernt. An jedem Checkpoint haben wir Desinfektionsmittel aufgestellt. Spezielle stündliche Desinfektionsprotokolle von Türklinken haben wir in das praxisinterne QS-System integriert.

ZZS: Wie haben Sie gleichzeitig den zahnärztlichen Notfalldienst ihrer Praxis und die Spitaltätigkeit koordiniert?
Dr. Fatori:  In diesem Zusammenhang möchte ich ein Lob an die Gesundheitsdirektion Zürich aussprechen. Diese hat mir eine zeitlich befristete Berufsausübungsbewilligung für meine Assistenzzahnärztin ausgestellt. Somit konnte diese auch ohne meine Aufsicht Notfallbehandlungen durchführen. Für diese unbürokratische Bewilligung  danke ich dem Kantonszahnarzt Marcell Hungerbühler und der Rechtsabteilung sehr.

ZZS: Sie erwähnten vorhin die Katastrophenmedizin und Telemedizin. Wie sah ihre Ausbildung aus?
Dr. Fatori:  Mein Jahrgang war der erste Jahrgang, der im Fach der Telemedizin unterrichtet wurde. Wir haben im Studium, ich glaube es war im vierten Studienjahr, mehrere telemedizinische Konsultationen unter Anleitung durchgeführt. Dazu haben wir Medien wie E-Mail, Video-Beratung und Telefon mit echten Patienten benutzt und Therapien eingeleitet. Im 6. Studienjahr kam dann noch ein Themenblock in der Katastrophenmedizin dazu. Hier haben wir verschiedene reale und für uns damals sehr surreale Szenarien geübt. Ich erinnere mich, dass wir diese Vorlesungen als Studenten teilweise belächelt haben. Heute verbeuge ich mich vor Demut und vor der Weisheit der Ausbildungsverantwortlichen der Universität Zürich. Wie Recht sie doch hatten. Ich bin sehr stolz, das Privileg gehabt zu haben in Zürich ausgebildet worden zu sein.

ZZS: Und wie geht es nun weiter?
Dr. Fatori: Wie alle anderen Zahnmediziner bin ich am Montag 27. April in meine eigene Praxis zurückgekehrt und kämpfe nun mit der aufgestauten Arbeit und versuche den aus dem Lockdown resultierten wirtschaftlichen Schaden wieder aufzuholen und so gut wie möglich auszugleichen.
Ich finde es sehr bedauerlich, dass der Bundesrat gerade uns selbständige Mediziner/Zahnmediziner nicht entschädigt hat. Einzig die 0 % Kredite wurden gewährt. Nehmen wir an, die Pandemie hätte sich noch weiter ausgebreitet, wären alle (Zahn-)Mediziner - egal ob Selbständige oder Angestellte - im Spital verpflichtet worden. Daher empfinde ich die Vernachlässigung gerade unserer Berufsgruppen, die ja den Virus bekämpft, als äusserst unglücklich.

ZZS: Gibt es etwas was Sie Ihren  Kollegen noch mitteilen wollen?
Dr. Fatori:  Im Chinesischen setzt sich das Wort Krise aus zwei Schriftzeichen zusammen. Das eine bedeutet «Gefahr»,  das andere «Gelegenheit». Ich wünsche uns allen, dass wir diese Krise als Gelegenheit für einen Neustart sehen und mit voller Kraft und Leidenschaft für die Zahnmedizin unseren Patienten gegenübertreten.
 
ZZS: Danke für Ihr Engagement und dass Sie uns einen Einblick gegeben haben, Frau Dr. Fatori. Bleiben Sie gesund!

 

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