Die ZZS zu Besuch in der CUMD in Genf

Die Alma Mater Tour de Suisse führte Marion Gredig in die Französische Schweiz – nach Genf. Man hatte sie gewarnt, so schön Genf sei, so kompliziert sei das Busfahren. Deshalb machte sie sich vom Bahnhof gleich zu Fuss auf dem Weg in die CUMD, die Clinique Universitaire de Médicine Dentaire, um sich dort mit Prof. Dr. Irena Sailer und ZTM Vincent Fehmer zu treffen.

Tour de Suisse nach Genf

In der CUMD hat sich Marion Gredig mit ZTM Vincent Fehmer und Dr. Manuel Navarro getroffen. Fotos: Marion Gredig


Natürlich schlage ich extra einen Umweg ein, um auch den berühmten Jet d’Eau zu sehen, und laufe dann weiter durch die pittoreske Altstadt bis ich an der CUMD in der Rue Lombard 19 ankomme.
Am Eingang hängt ein grosses Schild mit dem Organigramm der Uni. Ich möchte dieses fotografieren, damit ich im Bericht alle Namen korrekt schreibe. Sobald ich das Handy aus dem Rucksack nehme, schreitet aber ein Wachmann auf mich zu und weist mich schroff in die Schranken. Das Fotografieren, auch von Tafeln, sei hier strengstens verboten. Das muss man in der Diplomatenstadt offenbar einfach wissen. Die Begegnung mit dem Wachmann hat mich zwar irritiert, aber sie hat auch gleich aufgezeigt, an der CUMD wird grössten Wert auf Diskrektion gelegt.

Diskretion und Diplomatie
Gutbetuchte Geschäftsleute bezahlen dafür, dass man eben nicht merkt, dass sie da waren, das erklärt mir ZTM Vincent Fehmer, den ich heute hier begleiten darf, mit einem Augenzwinkern zur Begrüssung. Um einen solchen exklusiven Patienten kümmert sich gleichzeitig auch seine Ehefrau, Prof. Dr. Irena Sailer. Ich sehe sie aus der Ferne durch die Glasscheibe ihres Behandlungsraumes konzentriert präparieren. Später wird sie sich zu uns gesellen.
Überall sonst dürfe ich aber ungeniert fotografieren, versichert Fehmer und beteuert, Genf ist eigentlich unkompliziert. Davon kann ich mich auch sogleich überzeugen, als wir das Büro der Assistenten betreten. Ein Gast-Assistent aus Moskau winkt mir zur, ein anderer aus Bologna arbeitet gerade an seinem Forschungsprojekt. Hier herrscht eine lockere, multinationale Atmosphäre. Man spricht über Fälle, bereitet den nächsten Vortrag vor, oder gönnt sich einfach eine Pause. Als Fehmer seinen Kollegen erzählt, dass ich von der ZZS Zahn-Zeitung Schweiz bin und alle vier Schweizer Unis besuche, rufen die Assistenten unisono: «Ihr müsst unbedingt schreiben, dass Genf die beste Zahnmedizinische Uni ist!»


Dr. Manuel Navarro und MDT Vincent Fehmer zeigen ihren Arbeitsplatz.

Frohliche Assistenten im multinationalen Mikrokosmos
Ich lache mit und verlasse mit Fehmer diesen freundschaftlichen Mikrokosmos, wie er es nennt, und folge ihm durch ein Ganglabyrinth zu seinem Arbeitsplatz, dem Zahntechnischen Labor des CUMD.
Hier arbeitet der international berühmte Zahntechnikermeister 40 %, die restliche Arbeitszeit verbringt er in seinem Privat-Labor in Lausanne.
Das laute, hohe Geräusch kündigt den Raum mit den Fräsmaschinen an. Hockdruck herrscht nicht nur an den Maschinen, sondern auch beim Techniker des Geräteherstellers, der gerade etwas reparieren muss. Am CUMD in der Rhone-Stadt ist es essenziell, dass jede Maschine einwandfrei läuft. Die Maschinen sind der wichtigste Partner für den Zahnarzt und Zahntechniker. Was auch immer möglich ist, wird digital hergestellt.
Gefräst oder gedruckt? Wie auch ein Mock-up das gerade aus einem lichthärtenden Komposit gedruckt wird. Bei Arbeiten die einen Pontic beinhalten, bevorzugt Fehmer allerdings die gefräste Variante, da diese weniger spröde ist – und das ist wiederum gingiva-freundlicher. Er zeigt mir so ein gefrästes Provisorium für eine grosse Brücke mit eigenen Pfeilerzähnen sowie Implantaten. Dieses muss er jetzt noch unter dem Mikroskop fertig bearbeiten. Ränder kontrollieren, Polieren. Speditives Handling ist angesagt, dieses Provisorium ist nämlich für eingangs erwähnten Patienten, der gerade von Irena Sailer behandelt wird.

Teamwork Sailer/Fehmer: Hand in Hand
Teamwork total sozusagen. Kennengelernt hat sich das Powercouple übrigens während ihrer gemeinsamen Zeit am ZZM in Zürich. Die Liebe am Arbeitsplatz haben sie nach Genf mitgenommen. Das gemeinsame Arbeiten hat Vorteile, aber natürlich besteht die Gefahr, dass man die Arbeit heimnehme, sagt Fehmer. «Manchmal weiss man nicht, wo der Zahn aufhört. Vor allem bei Sorgen oder Stress. Aber es hat natürlich den Benefit, dass man auch schöne Events miteinander erlebt», konstatiert der sympathische Süddeutsche. Und man wisse zudem genau, wie lange der Partner für gewisse Arbeitsschritte braucht, ergänzt er.
Ich selber wäre ehrlich gesagt etwas gestresst, wenn ich wüsste, dass der Patient auf dem Stuhl sitzt und auf meine Arbeit wartet. Fehmer hingegen nimmt das Gelassen und mit derselben Ruhe, die er auch sonst immer ausstrahlt. Er kennt die Arbeitsabläufe seiner Frau und während Sailer den Kofferdam legt und die Overlays an der einen Seite einsetzt, poliert Fehmer geschickt weiter an der provisorischen Front. Sailers Assistentin steht schon bereit und bringt, sobald die Brücke fertig ist, diese im Eilschritt in den unteren Stock ins Behandlungszimmer. So wird ohne Zeitverlust für und am Patienten gearbeitet.

Die Geschwindigkeit des Digitalen Workflows
Zudem ermöglicht der digitale Workflow ein effizientes Arbeiten und die Abläufe werden bis zu viermal schneller, meint Fehmer. Auch Kleinlabors legt er ans Herz, sich mit den neuen digitalen Technologien in der Zahntechnik und Zahnmedizin anzufreunden:
«Heutzutage sollte ein Zahntechnisches Labor zumindest die Software haben, um digitale Abformungen erhalten und bearbeiten zu können. Auch einen Scanner kann ich empfehlen. Und wenn das Labor viele Aufträge ins Fräszentrum outsourcen muss, würde ich raten, den Kauf eines 3D-Druckers in Erwägung zu ziehen.»


Klein aber fein. An der CUMD in Genf ist die Kollegialität grossgeschrieben.

Digital in der Prothetik
Ganz digital funktioniert die Arbeitsweise nicht nur in der Festsitzenden Prothetik, sondern auch in der Abnehmbaren. Diese ist das Spezialgebiet von Dr. med. dent. Manuel Navarro, der sich zu uns gesellt. Die Abformungen für die Totalprothetik müsse man zwar noch analog machen, alles andere funktioniere aber mit dem Drucker. Vorteil: Die Daten sind gespeichert, die Prothese kann wiederholt gedruckt werden. Sogar Unterfütterungen sind so machbar. Mit einem Abdruck werden die zu unterfütternden Stellen definiert, von Hand aufgetragen und dann wieder eingescannt und neu gedruckt. Dr. Navarro sagt, die gedruckten Prothesen sind, sobald die Anschaffungskosten amortisiert sind, nicht nur kostengünstiger, sondern auch biokompatibler. Der verwendete Block ist schon vorpolymerisiert und enthält somit weniger Monomer als die manufakturierte, gestopfte Prothese.
Und auch in der partiellen abnehmbaren Prothetik kommt der Drucker zum Einsatz. Das Cobalt-Chrom-Molybdän-Gerüst (CoCrMo) wird hier nicht im Modellgussverfahren produziert, sondern auf dem Modell designt und gefräst. Und eines Tages, vielleicht in zehn Jahren, kann man auch auf diesem Gebiet metallfrei arbeiten, prophezeit Navarro. Vorläufig ist man aber noch auf der Suche nach dem geeigneten Material welches CoCrMo adäquat ersetzen kann.

«Where the magic happens»: Der 5. Stock
Um die Zukunft der Zahnmedizin geht es auch im 5. Stock des CUMD. Das sei der Ort «Where the magic happens», sagt man. Hier wird nämlich geforscht. Alle möglichen Tests und Forschungen werden in den Science-Labors durchgeführt.
Irena Sailer konnte ihren Patienten unterdessen glücklich entlassen und gesellt sich zu uns. Wenn man Sailer googelt kommt als erstes: Irena Sailer, Forscherin. Da sind wir in dem Fall mit ihr gerade am richtigen Ort. Ich frage die charismatische Powerfrau deshalb, wie wichtig die Forschung an der CUMD ist: «Oh das ist ein tolle Frage. Forschung ist natürlich sehr wichtig an der CUMD, wie auch in allen anderen Universitäten. Wir sind sehr aktiv in der Forschung. Das ist auch ein sehr wichtiger Teil in unseren Spezialisierungsprogrammen», meint die Professorin und erklärt weiter: «Unsere Forschung in der Division fokussiert zum einen auf zahn- und implantatgetragenen Rekonstruktionen und digitalen Technologien, zum anderen auf Biomaterialien. Das Schöne ist, dass wir klinische Forschung und Grundlagenforschung kombinieren und so unsere Konzepte ausfeilen können.» Und genauso wichtig wie das Forschen ist natürlich auch das Publizieren dieser Erkenntnisse erklärt Sailer und zeigt mir stolz das gerade erst erschienene Fachbuch «Fixed Restorations».
Die Begeisterung fürs Forschen teilen die Eheleute Sailer/Fehmer. Er gibt zu: «Ein Tag im Labor, das wissenschaftliche Arbeiten, Experimentieren und Testen macht mir sogar mehr Freude als das klinische Arbeiten.»

Erst kürzlich ist das neue Buch «Fixed Restorations» erschienen.

Das Spezielle an der CUMD
Denn, so fügt er hinzu «An der Uni arbeitet man nicht, um viel Geld zu verdienen» Gerade die herzliche kollegiale Stimmung hier, gepaart mit dem französischem Flair, hat es ihm angetan. Sailer kann dem nur zustimmen, als ich sie danach frage, was ihr denn an der CUMD speziell gefalle? «Es ist etwas Besonderes, so nah mit anderen Divisionen, d. h. Fachbereichen zusammen arbeiten zu können. Durch die Struktur unserer «neuen» Klinik sind auch die Abteilungen räumlich nah. Die Kliniken und Büros sind auf dem gleichen Stock. Dies ist für einen interdisziplinären Austausch sehr wichtig.»
Durch die enge Zusammenarbeit der Divisionen ist auch ein neuer spezieller Lehrgang an der Uni Genf entstanden. Das «Masters of Advanced Studies»-Programm in Digitalen Dentalen Technologien. Sailer erklärt: «Durch die enge Zusammenarbeit unserer Division mit der Division von Prof. Ivo Krejci (Division für Kardiologie und Endodontologie) ist dieses zweijährige Programm entstanden. Das MAS ermöglicht es Privatpraktikern aus aller Welt, sich mit allen neuen Technologien vertraut zu machen und einen Spezialisierungstitel der Universität Genf dafür zu erhalten. Dies ist einzigartig.»

Unsere Fragen-Staffette
Ich erkläre, dass ich in dieser Reportage-Serie immer eine Frage des vorherig besuchten Teams mitbringe. Eine Art Fragen-Staffette. Und lese nun die Frage von Dr. med. dent. Alexis Ioannidis vom ZZM vor: «Irena, wo liegen die zahnmedizinisch-kulturellen Unterschiede zwischen Zürich und Genf? Gibt es diese?»
Sailer freut sich über die Frage von Ioannidis und meint: «Es gibt viele kulturelle Unterschiede, wenn man Zürich und Genf vergleicht. Genf ist die Stadt der United Nations und vieler wichtiger globaler Organisationen, das merkt man schnell. Die Atmosphäre ist sehr weltoffen, international und tolerant. Zahnmedizinisch gibt es keine Unterschiede. Die vier Schweizer Universitäten sind sehr gut aufeinander abgestimmt. Dies ist echt toll und wird immer wieder bei den Treffen der Fachorganisationen sichtbar.»
Mit diesem schönen Schlusssatz ist es für mich nun an der Zeit die Calvin-Stadt wieder zu verlassen. So förmlich die Begrüssung am CUMD durch den Wachmann vor drei Stunden war, so persönlich ist die Verabschiedung der Uni Genf von Sailer und Fehmer.

Herzlicher Abschied im wehenden Arbeitskittel
Der Zahntechniker offeriert, mich zum Bus zu begleiten. Im wehenden, weissen Arbeitsmantel läuft er mit mir zur Haltestelle. Fehmer zeigt herzliche Gastfreundschaft bis zum Schluss oder eben dem Einstieg (in den Bus).
Ich nehme viele schöne und spannende Eindrücke der heutigen und morgigen Zahnmedizin und etwas vom Genfer Flair mit auf den Heimweg. Au revoir, à bientôt!
Und natürlich habe ich auch eine Frage an das Team der Uni Basel miteingepackt, wo mich meine Alma Mater Tour de Suisse als nächstes hinführt.

www.unige.ch

 

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