Interview zum 3. Internationalen Gerodontologie-Symposium

Am 9./10. April 2021 findet das 3. Internationale Gerodontologie Symposium statt. Aufgrund der aktuellen Lage als reiner Online-Kongress mit Live-Stream und im Anschluss on-demand. Worauf sich die Teilnehmenden beim dreisprachigen Symposium (D/E/F) zum Motto "Gerodontologie: Mein neues Arbeitsfeld" freuen können, haben wir von Prof. Dr. Frauke Müller erfahren.

Gero-Symposium 2021

Aufgrund der neusten Covid-19 Bestimmungen des Bundes, wird das Symposium gänzlich online und nicht wie geplant hybrid stattfinden. Foto: BOC


ZZS: Wie stellt sich die gerodontologische Versorgung aktuell in der Schweiz dar?
Frauke Müller: Die gerodontologische Versorgung in der Schweiz ist gar nicht so schlecht, auch wenn es in manchen Gegenden noch Versorgungslücken gibt. Die Schweizerische Gesellschaft für Alters- und Special-Care-Zahnmedizin SSGS ist ja schon seit vielen Jahren engagiert, um die zahnmedizinische Betreuung der alten und behinderten Patienten zu verbessern. Hier seien nur die Pioniere der SSGS genannt, Stephan Gottet, Willy Baumgartner, Giorgio Menghini, Marcel Z’Graggen und etliche weitere, die hier mit einer klaren Vision und viel Engagement einiges bewegt haben. Die Unterstützung der SSO und ihr Engagement für die Gerodontologie hatten ebenfalls ein starkes Gewicht. Zudem ist die Ausbildung der jungen Zahnärzte in Gerodontologie ja inzwischen an allen vier Schweizer Universitäten sehr gut, und auch im eidgenössischen Examen ist ein spezifischer Prüfungsabschnitt diesem Fachgebiet gewidmet.
Trotz allem Optimismus, es haben sich noch immer zu wenige niedergelassene Kollegen dem Gebiet der Alterszahnmedizin gewidmet, so dass ein grosser Behandlungsbedarf, besonders bei den pflegebedürftigen und institutionalisiert lebenden Patienten, besteht. Um diese Kolleginnen und Kollegen «ins Boot zu holen», haben wir als Thema des Kongresses «Gerodontologie, mein neues Arbeitsfeld» gewählt. Die Teilnehmer sollen klinisch relevantes und einfach umzusetzendes Wissen zur Behandlung alter und älterer Patienten erhalten, das einerseits einen Einstieg, andererseits eine Vertiefung bereits vorhandener Kenntnisse ermöglicht.   

ZZS: Gibt es Entwicklungen, die helfen, die Versorgung zu verbessern?
Frauke Müller: Drei Aspekte helfen die Versorgungssituation zu verbessern. An erster Stelle stehen die Motivation, das Fachwissen und die klinische Kompetenz der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen. Dazu sind gesundheitspolitische Aspekte wichtig, wir sind daher besonders froh, die SSO als Schirmherrin gewonnen zu haben. Nicht zuletzt gibt es aber auch den technischen Fortschritt, der die Behandlung der älteren Patienten erleichtert. Aber auch die Tele-Zahnmedizin ist eine technische Neuerung mit Zukunftspotential. Wir freuen uns daher besonders auf die Ausführungen von Nicolas Giraudeau, einem der Pioniere der Tele-Zahnmedizin, der an der Universität Montpellier lehrt, aber auch WHO-Experte auf diesem Gebiet ist.  

ZZS: «Gerodontologie: Mein neues Arbeitsfeld» lautet das Motto des 3. Internationalen Gerodontologie Symposiums. Welche konkreten Themengebiete werden im Fokus stehen und wie sieht der Programmablauf im Einzelnen aus?
Frauke Müller: Das Programm erstreckt sich über zwei ganze Tage, so dass wir vier Themenblöcke ansprechen können. Der Freitagvormittag widmet sich der Logistik und rechtlichen Aspekten – und das in Zeiten der Pandemie. Samia Hurst, Professorin für Bioethik an der Universität Genf und Vizepräsidentin der wissenschaftlichen Taskforce COVID-19 des Schweizer Bundesrates gibt uns Einblick in die ethischen Aspekte der Behandlung Betagter in Zeiten erhöhten Ansteckungsrisikos. Hinzu kommen praktisch orientierte Vorträge zur Einrichtung der Praxis, zur mobilen Zahnheilkunde, zum Stellenwert der Mundhygiene und zur Telezahnmedizin. Reto Kressig, Ehrenmitglied der SSGS, wird die Sicht des Geriaters auf die in der Gerodontologie unerlässliche Zusammenarbeit mit dem Zahnarzt beleuchten. Der zweite Themenblock hat den Titel «über den Mund hinaus», hier haben wir absichtlich etwas «weiter» gegriffen, um auch dem fortgeschrittenen Gerodontologen Anregungen und Ideen zu bieten. Orale Funktion, aber auch die Narkosebehandlung von dementen Patienten und das grosse Themengebiet der Polypharmazie bieten umfassendes Neues Wissen, um wieder topaktuell informiert zu sein. Der dritte Themenblock ist hingegen sehr praktisch ausgerichtet. Nach der Vorstellung des Präventionskonzeptes der AZPA Zürich durch den Past-Präsidenten der SSGS Willy Baumgartner, folgen mehrere Vorträge zum Thema «was mache ich, wenn …». Hier werden Mundtrockenheit, Mundgeruch, Kariesmanagement, chirurgische Eingriffe bei Patienten mit Demenz, aber auch die altersgerechte Gestaltung herausnehmbaren Zahnersatzes mit und ohne Implantate besprochen. Hochrangige internationale Redner teilen die neueste Evidenz und ihre klinische Erfahrung. Auf den letzten Themenblock sind wir besonders stolz: alles dreht sich um die Sicht des Patienten. Während ein englisches Forscherteam das Thema wissenschaftlich angeht, beschreibt ein 96-jähriger Patient seine Erfahrungen und Erwartungen von seiner Zahnbehandlung. Herwig Schopper ist ehemaliger Generaldirektor des CERN in Genf, und ja, die eine oder andere Idee aus der Physik möchte er auch uns Zahnärztinnen und Zahnärzten ans Herz legen.

Das 3. Internationale Gerodontologie Symposium wird von einer Gruppe renommierter Experten organisiert: Prof. Dr. Martin Schimmel, Prof. Dr. Frauke Müller (obere Reihe) und Prof. Dr. Murali Srinivasan  und Prof. Dr. Michael Bornstein.


ZZS: Es wird auch eine Parallel-Session der Japanese Society of Gerodontology geben. Was hat es damit auf sich?
Frauke Müller: Japan hat derzeit weltweit die höchste Lebenserwartung, und daher besonders grosse gesundheitspolitische Herausforderungen. Entsprechend werden sehr viele Ressourcen für die gerodontologische Forschung zur Verfügung gestellt. Die derzeit grössten Kohortenstudien werden in Japan durchgeführt. Im Jahr 2018 wurde von der Japanischen Gesellschaft für Gerodontologie, die übrigens mehr als 1’800 Mitglieder hat, der Begriff «oral hypofunction» definiert. Sieben funktionelle Parameter werden in einer klinischen Untersuchung ermittelt, um einen Behandlungsbedarf zu bestimmen. Bleibt die Behandlung aus, könnte sich der funktionelle Status zur «oral dysfunction» verschlechtern. Der Vortragsblock zu diesem hochspannenden Thema wird von hochkarätigen japanischen Referenten bestritten, aber auch von Rednern unserer Partnergesellschaft, dem European College of Gerodontology.

ZZS: Was ist aus Ihrer Sicht das wirklich Besondere am Kongress?
Frauke Müller: Das Fach – ganz klar! Die Gerodontologie ist ein faszinierendes, passionierendes und sehr facettenreiches Arbeitsgebiet, das im täglichen Alltag wirklich viel Freude bereitet. Unser Highlight, der Themenblock zur Sicht des Patienten, ist dem Respekt vor dem alten Patienten gedankt. Zu oft wird über deren Kopf hinweg entschieden, was gut für sie sein soll. Wir wollen den Patienten, seine Erwartungen und Bedürfnisse, mit diesem Kongress mehr in den Mittelpunkt stellen.

ZZS: Gibt es etwas, worauf Sie sich besonders freuen?
Frauke Müller: Der fachliche Austausch und die Diskussionen mit den Kollegen aus der Schweiz, aber natürlich auch aus unseren Nachbarländern Deutschland, Österreich, Frankreich und Italien. Es wäre schön gewesen, wenn wir wenigstens einige unserer Kolleginnen und Kollegen mal wieder persönlich getroffen hätten. Aber da die Sicherheit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer natürlich vorgeht, klappt das dieses Jahr leider nicht. 
 
ZZS: Warum sollten Zahnärztinnen und Zahnärzte sowie DHs auf jeden Fall teilnehmen?
Frauke Müller: Das Internationale Symposium für Gerodontologie findet nur alle drei Jahre statt – in dieser Zeit hat es doch einiges Neues im Fach gegeben. Wir möchten die Gelegenheit bieten, wieder auf dem neuesten fachlichen Wissensstand zu sein, um die Qualität unserer Patientenbehandlungen zu optimieren und Sicherheit in den oft schwierigen Therapieentscheidungen zu gewinnen. Gerne würden wir auch den interkollegialen fachlichen Austausch fördern, denn auch im informellen Gespräch kann man von den Erfahrungen der anderen lernen. Ob das im April möglich sein wird, werden wir dann sehen. Durch die internationale Besetzung bietet der Kongress auch ein Fenster in die Welt – es ist spannend zu sehen, dass andere Länder die gleichen Probleme haben, aber vielleicht einen ganz anderen Lösungsansatz. Wir freuen uns auf jeden Fall auf viele nationale und internationale Teilnehmer für diesen spannenden und hochkarätig besetzten internationalen Kongress in der Schweiz.

ZZS: Wir wünschen Ihnen heute schon viel Erfolg!
 

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