Neues von Nobel Biocare: «Wir haben uns viel vorgenommen»

In den vergangenen Jahren war es um Nobel Biocare eher ruhig geworden. Mit neuer Power, einem erweiterten Team und zwei Produktinnovationen hat sich das weltweit agierende Dentalunternehmen für die Zukunft viel vorgenommen. Wir haben von Stefan Lieb, dem Regional Director für die DACH-Region, Spannendes über die Ziele, Neuprodukte und die weitere Strategie von Nobel Biocare erfahren.

Nobel Biocare geht mit zwei Innovationen gestärkt in die Zukunft

Stefan Lieb, Regional Director DACH: «Wir sind zurück mit hohen Ansprüchen.» Fotos: Nobel Biocare


ZZS: Herr Lieb, seit Anfang des Jahres sind Sie als Regional Director DACH bei Nobel Biocare für die Märkte Deutschland, Österreich und die Schweiz verantwortlich. Sicherlich in Zeiten von Corona keine einfache Aufgabe. Welches sind aktuell die grössten Herausforderungen?
Stefan Lieb: Unsere grösste Herausforderung war es, während der andauernden Corona-Pandemie zwei bahnbrechende hochinnovative Produkte zu launchen. Ich bin zwar erst seit Januar als Regional Director für die DACH-Region  zuständig, habe aber vorab als Country Manager Germany bei Nobel Biocare die gesamte Markteinführung begleitet. Wir sind zurück mit hohen Ansprüchen und wollen unsere Innovationen nun auch einem breiteren Publikum zugänglich
machen.

ZZS: Schon vor der Pandemie war es ungewöhnlich still geworden um Nobel Biocare. Was hatte das rückblickend für Gründe?
Stefan Lieb: Sie haben recht. Wir hatten in der DACH-Region teils umtriebige Zeiten mit einigen Personalwechseln. Zudem haben wir uns in den letzten Jahren von Danaher gelöst und sind nun zusammen mit KavoKerr und Ormco ein reines Dentalunternehmen. Weltweit sind wir nach wie vor die Nummer 2, unsere Produkte sind hervorragend, das wissen unsere Kunden auch. Wir haben aus Fehlern gelernt und wollen jetzt auch in Europa und vor allem der DACH-Region wieder zu alter Stärke kommen.

ZZS: Es scheint als hätten Sie diese Stille genutzt, denn Sie kommen aktuell gleich mit zwei Neuheiten auf den Markt. Welche Highlights können Sie unseren Leserinnen und Lesern heute vorstellen?
Stefan Lieb: Danke für diese Möglichkeit, unsere zwei Top-Neuheiten vorzustellen. Da ist zum einen GalvoSurge®, ein neuer Ansatz für die Implantatreinigung bei Periimplantitis. Unsere andere Produktneuheit ist ein komplett neu
gedachtes System. Das N1™ System geht weg vom üblichen Bohrprotokoll und ermöglicht die Implantation in nur drei Schritten – Direct – Shape – Place.

ZZS: GalvoSurge®, was hat es damit auf sich?
Stefan Lieb: GalvoSurge® wurde von PD Dr. Dr. Markus Schlee, Dr. Urs Brodbeck und Dr. Holger Zipprich für eine zuverlässige Periimplantitis-Therapie entwickelt. Am 15. Oktober 2020 wurde das Gerät gelauncht, seither ist es in Europa verfügbar. Es können damit alle Implantatoberflächen aus Titan gereinigt werden. Es freut uns sehr, dass es überaus gut eingeschlagen hat. Denn das allgemein positive Feedback beweist uns, dass das Verfahren funktioniert und wir in eine Marktlücke gestossen sind und wir sehen, wie viele Periimplantitis-Fälle es tatsächlich gibt.

GalvoSurge® steht im Finale für den Swiss Medtech Award 2021.

ZZS: Wie funktioniert GalvoSurge®?
Stefan Lieb: Mit dem elektrolytischen GalvoSurge-Verfahren werden Wasserstoffbläschen auf der Implantatoberfläche erzeugt, so dass der Biofilm komplett entfernt wird, ohne dass es abrasiv ist und auch nichts aufgetragen wird. Das Implantat hat nach der Anwendung eine fast sterile Oberfläche. Es ist hydrophil, zieht Flüssigkeit an und begünstigt dadurch die Re-Osseointegration. Diese wurde von PD Dr. Schlee bereits nachgewiesen. Für uns ist GalvoSurge® die einzige wirklich funktionierende Periimplantitis-Therapie. Bei anderen Verfahren verbleiben immer Reste des Biofilms auf der Implantatoberfläche, was die Gefahr erhöht, dass die Periimplantitis schnell wieder zurückkommt. Wir sehen GalvoSurge® als Game Changer – im Gegensatz zu einer sonst drohenden Never Ending Story.

ZZS: Wann kommt GalvoSurge® zum Einsatz?
Stefan Lieb: Interessant ist GalvoSurge® immer dann, wenn bei einem Periimplantitis-Fall die Prothetik erhalten werden kann. Für den Patienten ist es viel weniger invasiv, denn es bedarf je nach Defektgrösse nur eines chirurgischen
Schrittes. Pro Implantat beträgt die Reinigungsdauer zwei Minuten, und die Anwendung ist simpel. Wenn hingegen ein Implantat entfernt werden muss, ist das viel komplizierter und teurer. Auch für den Behandler ist die für die Therapie anzusetzende Zeit im Vergleich zu dem, was als Analogposition abgerechnet werden kann, sehr gut. Denn die Implantatreinigung geht natürlich viel schneller als eine Neuimplantation.

ZZS: Bereits 2019 wurde bei der EAO in Madrid das N1™ System vorgestellt. Nun sind weitere zwei Jahre vergangen, bis es die Marktreife erreicht hat. Warum hat das so lange gedauert?
Stefan Lieb: Sie haben recht, die Entwicklung hat sehr lange gedauert. Es wurde sieben Jahre lang entwickelt, Grundlagenforschung betrieben und wir haben nun ein komplett neues und innovatives System, das jetzt in Europa verfügbar ist.
 


Das N1™ System geht weg vom üblichen Bohrprotokoll und ermöglicht die Implantation in nur drei Schritten – Direct – Shape – Place.


ZZS: Was ist das Besondere am N1™ System?
Stefan Lieb: Das Nobel Biocare N1™ System ist mehr als nur ein weiteres Implantat – es ist ein umfassendes System aus speziellen Instrumenten und prothetischen Komponenten. Das völlig neu entwickelte Bohrprotokoll ermöglicht die Implantation in nur drei Schritten – Direct – Shape – Place. Das erste Instrument des Protokolls ist der OsseoDirector™ für die Implantatbettpräparation, das die endgültige Implantatposition definiert. Der zweite Schritt erfolgt mit dem OsseoShaper™. Das Bohrprotokoll überzeugt mit Vorteilen für den Knochen, die Osseointegration, die Sicht und die Sicherheit. Denn der Bohrer denkt mit. Es folgt die Insertion des N1™ Implantats mit trioval-konischer Verbindung. Durch das Primär-registrat gleiten die N1 Abutments an ihren Platz, wodurch eine starke und stabile Passung entsteht.

ZZS: Und welche Indikationen können mit dem N1™ System versorgt werden?
Stefan Lieb: Das N1™ System wurde für Stabilität und frühe Gewebeintegration entwickelt sowie für die Sofortimplantation und -belastung optimiert. Spezielle Prothetik mit optimierten Emergenzprofilen, Oberflächen und triovalen Formen ist auf langfristige Gewebestabilität, Ästhetik und prothetische Flexibilität ausgelegt. Selbstverständlich bieten wir Lösungen vom Einzelimplantat in der ästhetischen Zone bis hin zur Versorgung des Leerkiefers.

Das N1™ Implantat hat eine trioval-konische Verbindung.


ZZS: Bietet das System auch Vorteile in der Prothetik?
Stefan Lieb: Die Implantat-Abutment-Verbindung verbindet die Vorteile aus zwei Welten – es gibt keine Probleme mehr mit dem Mikrospalt. Denn die Abutments gleiten mit der vollindexierten trioval-konischen Verbindung an ihren Platz. Weitere Vorteile sind die einfache Verbindung und eine Indexierung ohne Rotationsspiel. Das ist technisch extrem ausgeklügelt.

ZZS: Wo sehen Sie die Hauptzielgruppe für das N1™ System?
Stefan Lieb: Zielgruppe für das N1™ System sind alle, denn das System bietet viele Möglichkeiten. Für den Chirurgen bietet es eine Vereinfachung und Verkürzung der Behandlung. Das Team braucht für die Aufbereitung viel weniger Zeit. Auch in Hinblick auf die MDR wird die lückenlose Nachverfolgung der Bohrer je Patient vereinfacht, da wir mit eingepackten Einpatientenbohrern arbeiten. Der Zuweiser wünscht sich eine klare Positionierung für das Abutment. Das ist mit dem N1™ System sehr einfach, da die Innenverbindung das einfache Eingleiten zur finalen Position des Abutments ermöglicht. Und für den Einsteiger bietet das N1™ System einen absoluten Vorteil, da der OsseoShaper™ mitdenkt, den weichen Knochen kondensiert und den harten schneidet. Das gibt zusätzlich Sicherheit in der Anwendung.
 

Step 2: Der OsseoShaper™ denkt mit. Das Bohrprotokoll überzeugt mit Vorteilen für Knochen, Osseointegration, Sicht und Sicherheit.


ZZS: Aktuell ist es schwierig, Kunden persönlich zu besuchen oder zu treffen. Welche Chancen nutzen Sie, um potentielle Kunden von den Neuheiten zu überzeugen?
Stefan Lieb: Unsere Kunden sind alles Haptiker, unsere Neuentwicklungen leben von der praktischen Anwendung. Momentan veranstalten wir alternativ Webinare. Unsere bisherige «Never Stop»-Reihe war sehr erfolgreich – die drei ersten Webinare waren mit knapp 3’000 Registrierungen stark besucht. Das letzte Webinar der Reihe zum Thema X-Guide® fand Mitte Juni statt. Zudem fanden in den letzten Wochen auf DACH-Ebene Hands-on-Kurse in kleiner Runde mit 10-20 Teilnehmern zusammen mit den Entwicklern statt. Dort konnten die Teilnehmer im Rahmen der jeweiligen Pandemie-Vorschriften das N1™ System in die Hand nehmen, den OsseoShaper™ spüren und GalvoSurge® in Augenschein nehmen. Im 2. Halbjahr geht es damit weiter. Zudem wird es Test-OPs geben. Der Besuch eines Aussendienstmitarbeiters in der Praxis ist auch jederzeit möglich. Für die Zukunft planen wir weiterhin Grossveranstaltungen – entweder rein digital oder hybrid.

ZZS: Was planen Sie kurz- und langfristig?
Stefan Lieb: Wir sind aktuell dabei unsere Vertriebsmannschaft auszubauen und insgesamt weiter zu expandieren. Wir wollen im Unternehmen Kompetenzen sammeln, die uns weiterbringen. Beide aktuellen Innovationen kommen aus Deutschland und der Schweiz. Das macht uns sehr stolz und motiviert für die Zukunft.

ZZS: Wir wünschen viel Erfolg!

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