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Prof. Dr. Hämmerle über den Umgang mit Covid-19 in der Zahnarztpraxis

SARS-CoV-2 hat die ganze Welt verändert! Im Rahmen des 1. Online-Kongresses «Geistlich + YOU» am 20. Mai 2020 gab Prof. Dr. Christoph Hämmerle von der Universität Zürich einen globalen Überblick zur aktuellen Corona-Situation und vermittelte aktuelle Ratschläge zum Umgang mit der Pandemie in der Zahnarztpraxis.

Übersicht Masken

Verschiedene Maskentypen und deren Sinnhaftigkeit. Graphiken: Prof. Hämmerle


Das Virus verbreitet sich bekanntermassen von Mensch zu Mensch. Durch Atemtröpfchen, die entstehen, wenn eine infizierte Person hustet, niest oder spricht, werden Menschen infiziert, die in engem Kontakt zueinander stehen. Tröpfchen können in Mund oder Nase von Menschen landen, die sich in der Nähe befinden.

Einige Studien haben gezeigt, dass Covid-19 auch von Personen ohne Symptome übertragen werden kann. Darauf resultiert die Erkenntnis, dass «Abstand halten» sehr wichtig ist, um die weitere Verbreitung einzudämmen.

Weiter kann nicht ausgeschlossen werden, dass Personen durch den Kontakt mit kontaminierten Oberflächen infiziert werden, jedoch wird aktuell angenommen, dass dies nicht der Hauptübertragungsweg ist. Um jeglichen Übertragungsweg einzudämmen, ist es sehr wichtig, sich die Hände so oft wie möglich mit Seife und Wasser zu waschen oder mit Händedesinfektionsmittel zu desinfizieren. Ebenso sollten Oberflächen routinemässig desinfiziert werden.

Prof. Hämmerle gab einen Einblick in die Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 in der Schweiz – sortiert nach Alter. Die Zahlen des Bundesamt für Gesundheit BAG vom 17. Mai 2020 bestätigen, dass der Altersmedian der Verstorbenen bei 84 Jahren liegt. 58 % Männer, 42 % Frauen. Von den 1529 Verstorbene litten 97 % an einer oder mehreren Vorerkrankungen. Die drei häufigsten waren Bluthochdruck (64 %), Herz-Kreislauferkrankungen (57 %) und Diabetes (62 %).

Bei den ins Spital eingelieferten Patienten lag der Altersmedian bei 72 Jahren. Von den 3472 Personen litten 87 % an mindestens einer Vorerkrankung. Die am häufigsten genannten Symptome sind Fieber (66 %), Husten (63 %) und Atembeschwerden (40 %). Bei 45 % lag eine Lungenentzündung vor.

Prof. Dr. Christoph Hämmerle

Prof. Dr. Christoph Hämmerle über den Umgang mit Covid-19 in der Praxis.

 

Konsequenzen des Lockdowns

Die Pandemie ist nicht mehr zu stoppen, das Virus verbreitet sich extrem schnell. Durch konsequente Lockdown-Massnahmen konnte jedoch eine signifikante Verlangsamung der Verbreitung erreicht werden. Konsequenzen waren jedoch die soziale Isolation, Home-Office und Home-Schooling auf der einen Seite sowie wirtschaftlich der Verlust von Arbeitsplätzen, Insolvenzen und Einkommensverluste. Politisch führte dies zu Misstrauen, Wettbewerb und der Aussetzung politischer Prozesse.

Keiner weiss, wann wir wieder eine gewisse Stabilität haben werden. Wird es eine zweite Welle geben? Wie viel Zeit wird vergehen, bis alle Probleme gelöst sind?

Wo steht die Zahnmedizin in diesem Zusammenhang?

Zahnmedizin ist ein Teil der Medizin, der weitergeführt werden muss. Patienten können nur für eine begrenzte Zeit auf ihre Weiterbehandlung warten oder verzichten. Das Risiko einer Infektion in der Zahnarztpraxis ist ein Spiegelbild der Prävalenz der Krankheit innerhalb der Schweizer Gesamtbevölkerung. Es stellt sich jedoch grundsätzlich die Frage, ob das Dentalteam einer höheren Gefahr ausgesetzt ist? Wie werden sich die wirtschaftlichen Konsequenzen in der Bevölkerung auf die Zahnarztpraxis auswirken? Und welchen Einfluss werden die neuen Schutzmassnahmen auf die Zahnmedizin im Allgemeinen haben?

Verschiedene Influenza-Studien konnten bestätigen, dass die Verwendung von medizinischen Schutzmasken die Ausbreitung infektiöser Tröpfchen von einer infizierten Person auf eine andere Person und die Kontamination der Umwelt einschränken kann. Jedoch gibt es nur begrenzte Hinweise darauf, dass das Tragen einer medizinischen Maske durch gesunde Personen als vorbeugende Massnahme von Vorteil sein kann. Den höchsten Schutz für Träger und die Umwelt bieten FFP2- und FFP3-Masken ohne Ventil.

Persönliche Schutzausrüstung in der Zahnarztpraxis

Die Hände- und Flächendesinfektion stehen neben den routinemässigen Hygienemassnahmen an oberster Stelle. Als maximale persönliche Schutzausrüstung werden das Tragen von Maske, Schutzbrille, Schutzschild, Handschuhen, Kopfbedeckung und Schutzkleidung empfohlen.

Empfehlungen für den Umgang mit Covid-19 in der Zahnarztpraxis

Schon bevor ein Patient die Praxis besucht sollte telefonisch Kontakt aufgenommen werden, um seinen Gesundheitszustand abzuklären. Beim Besuch in der Praxis sind keine Begleitpersonen erlaubt. Der Patient ist verpflichtet mit einer Maske zu erscheinen. Im Wartezimmer gibt es keine Zeitschriften, Getränke etc. Der Abstand zwischen einzelnen Patienten ist zu vergrössern. Praxispersonal wird wo umsetzbar mittels physischer Barrieren geschützt.

Ferner wird empfohlen, Patienten zuerst mit einer antimikrobiellen Mundspüllösung spülen zu lassen, wie 1 % Wasserstoffperoxid oder 0,2 % Jodlösung für 1 Minute.

Die Bildung von Aerosolen ist so weit wie möglich zu vermeiden. Aerosol bildende Vorgehen sind nach Möglichkeit mit anderen Verfahren zu ersetzen oder unter Kofferdam durchzuführen.

Zwischen zwei Patienten ist mehr Zeit einzuplanen für die Desinfektion und die Reinigung des Behandlungszimmers. Behandlungsräume müssen ausreichend belüftet werden. Hochrisikopatienten sind separat zu behandeln.

Übertragungsarten zwischen verschiedenen Personen.

Übertragungsarten zwischen verschiedenen Personen.

 

Allgemeine Strategie aus der aktuellen Krise heraus

Die von Hämmerle zitierte Strategie aus der Krise basiert auf drei Säulen:

1. Erhöhte Desinfektionsmöglichkeiten in Kombination mit dem Tragen von Schutzmasken an öffentlichen Orten sollen dazu beitragen, die Infektionszahlen zu reduzieren.

2. Infizierte Personen sollen frühzeitig identifiziert und isoliert und ihre Kontakte verfolgt werden, um infektiöse Ketten zu unterbrechen.

3. Durch die sorgfältige Beobachtung neuer Infektionen wird untersucht, wie sich die Zahlen weiterhin entwickeln.

Die Wissenschaft negiert die Praktikabilität einer schnellen Infektion grosser Teile der Bevölkerung, die zwar zur Herdenimmunität, aber gleichzeitig zum Zusammenbruch des Gesundheitssystems führen würde. Gleiches gilt für einen kontrollierten Infektionsprozess der Bevölkerung. Dieser Prozess würde verlangen, dass der Lockdown für Monate oder sogar Jahre fortgesetzt wird. Derzeit sind die langfristigen Auswirkungen der Krankheit sowie die Dauer einer möglichen Immunität nicht bekannt. Aus all diesen Gründen erscheint die stringente Reduzierung von Infektionen als die einzig vernünftige Strategie.

Mögliche Übertragungswege in der Zahnarztpraxis.Graphiken: Prof. Hämmerle

Mögliche Übertragungswege in der Zahnarztpraxis.

 

Was bedeutet das für die Zukunft?

In Zukunft muss der Schutz anfälliger Personen verbessert werden. Neuinfektionen sind zu begrenzen, indem getestete und wirksame Massnahmen zur Anwendung kommen. Die Pflege betroffener Patienten ist zu verbessern und am Ende sollte ein neu entwickelter Impfstoff dabei helfen, die Gesamtsituation zu verbessern.

Sicher ist jedoch, dass sich auch die Zahnmedizin für einige Zeit an die durch SARS-CoV-2 verursachte veränderte Situation anpassen und damit umgehen muss.

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