Was macht eine erfolgreiche Praxis aus?

Schon immer gab es Herausforderungen in der niedergelassenen Praxis. Jetzt kommen noch Fachkräftemangel, Grossinvestoren und neue Technologien dazu. Lesen Sie die Einschätzung von Dr. Reto Neeser und Dr. Thomas Müller.

 

Was macht eine erfolgreiche Zahnarztpraxis aus?

Interview mit Dr. Reto Neeser und Dr. Thomas Müller zum Thema "Erfolgreiche Zahnarztpraxis". Foto: ZFZ


Dr. Reto Neeser und Dr. Thomas Müller haben verschiedene Entwicklungen in ihrer mehr als 20-jährigen Erfahrung als erfolgreiche Praxisinhaber miterlebt. Sie haben mit uns über ihre Definition von Erfolg, aktuelle Trends sowie Chancen für eine erfolgreiche Praxisführung gesprochen.

Wie lautet Ihre persönliche Definition von Erfolg?
Reto Neeser: Erfolg bedeutet für mich persönlich, gesund und zufrieden älter zu werden und jeden Tag gerne zur Arbeit zu gehen. In der Praxis möchte ich die Erwartungen aller Interessengruppen – Patienten, Mitarbeiter und Umwelt – möglichst erfüllen.
Thomas Müller: Für mich bedeutet persönlicher Erfolg, möglichst viele und möglichst lange meine ureigenen Treiber und Lebensmotive zu bedienen. Denn nur wenn ich das schaffe, dann kann ich gesund und zufrieden alt werden. Als Unternehmer versuche ich die Motive und Treiber aller beteiligten Menschen – Patienten und Mitarbeiter – so optimal wie möglich zu verstehen und zu bedienen. Wenn mir das gelingt, dann werde ich meine Praxis erfolgreich führen können.

Warum gelingt es nicht jedem, mit seiner Praxis erfolgreich zu sein?
Neeser: Das Umfeld hat sich in den letzten Jahren extrem verändert, und es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, als Zahnarzt erfolgreich eine Praxis zu betreiben. Die Zahnärzte sind in der Regel sehr gute Handwerker, viele haben aber weniger Erfahrung in der Führung des Teams und im Umgang mit den Patienten.
Müller: Erfolgreich in der Praxis zu sein, setzt voraus, dass man hohe Dienstleistungs- und Produkte-Qualität paart mit einer hohen Prozessqualität. Denn eine wunderschöne Krone allein macht es noch nicht aus, dass der Patient zufrieden ist. Darüber definiert sich nur die Produktequalität. Der Patient möchte neben der perfekten Krone auch optimal begrüsst, informiert und verabschiedet werden, er möchte zur vereinbarten Zeit behandelt werden und sich darauf verlassen können, dass die Hygiene perfekt ist und alle Materialien vorhanden sind und dass am Schluss eine faire Abrechnung erfolgt. Nur wenn auch diese Dienstleistungs- und Prozessqualität stimmt, ist der Patient bereit, für diese Leistung zu bezahlen. Da wir jedoch im Studium nur in Bezug auf Produktequalität, nicht aber auf Unternehmensführung mit umfassendem Qualitätsverständnis ausgebildet werden, gelingt es nicht jedem gleich gut, erfolgreich zu sein.

 

Dr. Reto Neeser: "Es ist heute keine Selbstverständlichkeit mehr, erfolgreich zu sein."

Wo sehen Sie Stellschrauben, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden?
Neeser: Man muss sich primär treu sein und nur das selbst führen und tun, was man gerne und gut macht. Man muss bereit sein, viel zu leisten und stets als Vorbild voranzugehen. Rein wirtschaftlich sind die Standortwahl und das Spektrum des Angebots entscheidend.
Müller: Das Zukunftsbild und die Führung sind wichtige Stellschrauben. Ich zitiere hier den bekannten Coach Prof. Pero Micic: «Führen bedeutet, eine Bewegung zu erzeugen. Bewegung braucht Richtung. Richtung braucht ein Ziel, ein Zukunftsbild. Ohne Zukunftsbild können Sie nicht führen!» Oder umgekehrt formuliert: Ohne klares Zukunftsbild wird es keine zielgerichtete Bewegung geben und damit keinen Erfolg. Wenn dieses klare Zukunftsbild die Kultur der Praxis prägt, wird sie sich über eine klare Führung zu den Mitarbeitern und dann die auf Kunden übertragen. Daraus resultieren – wie selbstverständlich – stringente Prozesse und ein hohes Qualitätsverständnis: Wissen was, wie und warum etwas getan wird.

Welches sind derzeit die grössten Herausforderungen in der niedergelassenen Zahnarztpraxis?
Neeser: Man sollte digitaler werden und darf das analoge, den persönlichen Umgang mit den Menschen, nicht vernachlässigen. Man muss unternehmerisch vorausdenken und das Grosse und Ganze im Auge haben, zudem muss man die Vernetzung im lokalen Umfeld pflegen. Und der Staat schwatzt immer mehr rein, dadurch muss man immer mehr – meist überflüssige – Vorgaben erfüllen.
Müller: Ich sehe da drei wichtige Herausforderungen: Das Markt-umfeld mit globalen Playern als Klinik-Betreiber fordert die inhabergeführte Praxis massiv heraus. Eine klare Differenzierung wird immer wichtiger. Das setzt ein hohes Mass an unternehmerischem Denken voraus. Dann ist da das Thema Nachwuchs: Die richtigen Mitarbeiter zur Erfüllung unserer Mission zu finden, diese zu pflegen und einen gemeinsamen Spirit zu entwickeln wird eine sich verschärfende Herausforderung sein. Und dann ist da noch die Antizipation auf die Geschwindigkeit der Technologie-Entwicklung. Die Konvergenz exponentieller Technologien wie IT (inkl. KI und Robotik) und Biotech wird noch einige unerwartete Wendungen bringen und unsere Praxen herausfordern.


Dr. Thomas Müller: "Unternehmertum ist ein spannendes Thema - es ist nie zu spät es zu lernen."D

Gibt es aktuelle Trends, die zum Erfolg führen (können)?
Neeser: Die Digitalisierung hilft, langweilige und repetitive Arbeiten zu ersetzen und ist in der Diagnostik und Therapie eine grosse Hilfe. Wer es nötig hat, kann über soziale Medien recht elegant Werbung machen und Interessengruppen direkt ansprechen. Der grösste Trend ist aber eine alte Tatsache: Es ist die seriöse, umsichtige, nachhaltige Arbeit und der empathische Umgang mit Patienten und Mitarbeitern in einer modernen und gut geführten Praxis.
Müller: Digitalisierung, Automatisierung und KI werden helfen, die immer knapper werdenden menschlichen Ressourcen richtig einzusetzen, zu unterstützen und zu entlasten. Es muss Zeit frei werden für den menschlichen Kontakt, welcher nie an Gewicht verloren hat und verlieren wird. Mit der zunehmenden Feminisierung der Zahnmedizin verändern sich die Bedürfnisse der Praxen als Unternehmen. Neue Geschäfts- und Zusammenarbeits-Modelle können da zum Erfolg führen. Es gibt auch den Selbstoptimierungstrend: Es werden immer mehr Wahlbehandlungen, wie KFO, Veneers, Bleaching, durchgeführt. Wenn man sich sehr fokussiert, kann man mit solchen Konzepten sehr erfolgreich sein. Aber: Das Risiko steigt auch. Wer seine Praxis nachhaltig führt, wird zwar nachhaltig, jedoch nicht schnell Erfolg haben. Bei Nachhaltigkeit muss differenziert werden zwischen sozial (New work, persönliche Ressourcen, Weiterbildung fördern/fordern etc.), ökologisch (massvoller Umgang mit Energie und Abfall etc.) und ökonomisch (massvolle Verschuldung, Reinvestitionen etc.).

Anfang November sind Sie beim Kurs von Fortbildung Zürichsee zum Thema «Die erfolgreiche Praxis» als Programmgestalter, Moderatoren und Referenten dabei. Was erwartet die Teilnehmer?
Neeser: Die Kursteilnehmer erkennen die Veränderungen, die unser Berufsstand in den letzten Jahren erfahren hat. Sie lernen anhand eines 10-Punkteplans die Grundlagen für die erfolgreiche Tätigkeit und erhalten einen Einblick in mögliche Trends für die Zukunft.

Was zeichnet das Kurskonzept aus?
Neeser: Wir berichten ehrlich über unsere Praxiskonzepte und die Teilnehmenden können daraus gleich am nächsten Tag Massnahmen in der eigenen Praxis umsetzen.
Müller: Weiter unterstützen uns unsere FachexpertInnen mit ihrem Wissen und ihren Referaten und geben Einblick in wichtige Bereiche des Praxisalltags.

Was denken Sie, warum jetzt genau der richtige Zeitpunkt dafür ist, sich intensiver mit dem Unternehmertum zu beschäftigen?
Neeser: Es ist wie beim Aktienkauf, es ist immer der richtige Moment! Unternehmensführung ist ein ex-trem spannendes Thema, und es ist immer möglich und nie zu spät, dies zu lernen.
Müller: Die stetige Veränderung und Bewegung in unserer Welt und unserem Branchenumfeld braucht eine klare Stossrichtung, welche mit unternehmerischen Ansätzen adaptiert werden kann und soll. Unternehmertum sollte bei uns Zahnärzten immer ausgeprägt sein und daher ist «gerade jetzt» auch der richtige Zeitpunkt für «Unternehmertum ab jetzt immer».

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