25. Aug. 2023

9. Schweizerische Prophylaxetagung

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Carmen Bornfleth

“Von der Diagnostik über die Prävention bis hin zum Recall” war das Motto der Tagung, zu der Veranstalter Topcaredent eingeladen hatte. Das Spektrum der Vorträge reichte von der oralen Prävention sowohl aus wissenschaftlicher als auch praktischer Sicht.

Prof. Dr. Adrian Lussi und Prof. Dr. Niklaus Lang begrüssten die Anwesenden und freuten sich über den sehr gut gefüllten Saal. Die zwei emeritierten Professoren hatten wie erwartet ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das von der Kariesdiagnostik, über die Prävention bis hin zur Interdentalraumreinigung und von der psychologischen Gesprächsführung bis zur Systematik beim Recall-Besuch reichte.


Prof. Dr. Niklaus Lang begrüsst die 400 Anwesenden.

Kariesdiagnostik mit KI?
Da Prophylaxe nur durch die richtige Diagnostik optimal durchgeführt werden kann, gab Prof. Dr. Adrian Lussi mit seinem Vortrag «Kariesdiagnostik mithilfe Künstlicher Intelligenz» einen Einblick, wie das in naher Zukunft aussehen könnte. Für eine korrekte Diag-nostik ist die optimale Sicht eine wichtige Grundvoraussetzung. Leider überschätzen wir alle unser eigenes Sehvermögen, dies hat sich auch in einer Studie mit 200 DHs bestätigt – und ab dem 40. Lebensjahr ist die Sehkraft meist nicht mehr ausreichend. Eine Lupenbrille kann hier Abhilfe schaffen. Problematisch ist bei der Diagnostik auch der Faktor Stress. Unter Zeitdruck bleiben klare Anzeichen oft unerkannt. 
Ein Raunen ging durchs Publikum und die Smartphones wurden zum Fotografieren gezückt, als Prof. Lussi zeigte, wie mittels KI Karies schon im sehr frühen Stadium erkannt werden kann. KI kann helfen, frühzeitig auf Probleme aufmerksam zu machen, die Qualität der Röntgendiagnostik zu steigern und somit eine präventive Behandlung zu ermöglichen. KI ist jedoch kein Ersatz für eine gründliche Untersuchung durch einen qualifizierten Zahnarzt. Da die KI jedoch stressresistent ist, kann sie als wichtige Unterstützung gesehen werden – keinesfalls aber als Ersatz für das zahnärztliche Fachpersonal.
Als nächster Referent war Prof. Dr. Murali Srinivasan angekündigt, der jedoch kurzfristig nicht dabei sein konnte. Spontan übernahm Prof. Lussi quasi «über Nacht» seine Session und sprach über die Probleme der alternden Bevölkerung und die Auswirkungen auf die Prophylaxe.
Ein Blick in eine aktuelle Statistik zur Entwicklung von Demenz in der Schweiz lässt erahnen, welche Probleme im Pflegebereich in den nächsten Jahren zu erwarten sind. Denn wer an Demenz erkrankt, ist in der Regel nicht mehr selbst in der Lage, eine Totalprothese richtig einzusetzen. Und für die korrekte Anwendung von Zahnpasta in Altenheimen fehlt den Pflegenden oft die Zeit. Prof. Lussi ging auf die Pathologie der Wurzelkaries ein und gab eine ausführliche Erklärung dazu ab, warum Dentin anfälliger auf Karies ist als Schmelz. Es handelt sich um kleinere Kristalle mit mehr Karbonaten. Für den gleichen Schutz braucht Dentin mehr Fluorid als Schmelz. Deshalb kann und sollte das regenerative Potential des Dentin-Pulpa-Komplexes genutzt werden. Dabei ist ein minimalinvasives Vorgehen möglich.

Film zur Faszination Zahn 
Zum Abschluss der Session zeigte Prof. Lussi den beeindruckenden Film «Faszination Zahn». Die Bilder sind 3/100 mm dünne Schnitte von menschlichen Zähnen – eingefärbt mit Fuchsin und Lichtgrün. Mit diesen schönen Bildern wurden die Anwesenden in die Kaffeepause verabschiedet, wo sie zahlreiche Ausstellerstände vorfanden. Bei Kaffee und Gipfeli war Zeit für Networking und Information über neue Produkte.
Mit dem Themengebiet Biofilmmanagement befassten sich im Anschluss gleich zwei Referenten. Bei Dr. Alexandra Stähli ging es um die Prävention durch Biofilmmanagement mit GBT. Dr. Marcel Donnet sprach über den Hochdruckreiniger in der Mundhöhle und lüftete das Geheimnis des Reinigungspulvers.
Wie wichtig die Interdentalraumreinigung ist, dazu gab Prof. Dr. Philipp Sahrmann spannende Einblicke. Er gab zu bedenken, dass wenn die Technik nicht anwendbar ist und der Patient es nicht als Vorteil versteht, dann macht er/sie es auch nicht.


Prof. Dr. Philipp Sahrmann sprach über die Wichtigkeit der Interdentalraumreinigung.

Patientenmotivation
Mit einem ganz anderen Thema beschäftigte sich Psychologin Silvia Schmuckli-Zwahlen aus Bern. Elementar wichtig für den Erfolg in der Dentalhygiene ist die Mitarbeit des Patienten – und dafür braucht es Motivation. Aber wie kann man Patienten motivieren? Wichtig ist eine gute Atmosphäre, denn positive Emotionen generieren Handlungsenergie. Wenn es gelingt, eine positive Beziehung und Stimmung aufzubauen, dann freut sich der Patient vielleicht sogar auf den nächsten Termin bei seiner DH oder PA und ist dann auch deutlich ruhiger.
Erfahrungsgemäss führen positive Emotionen zu mehr Achtsamkeit, Kreativität, Leistungsfähigkeit und Resilienz. Zudem sind positive Emotionen ansteckend und fördern die Hilfsbereitschaft, Flexibilität und Empathie.
«Wenn es uns gut geht, beschleunigt das die Heilungsprozesse und aktiviert die Immunabwehr», weiss die Referentin aus Erfahrung zu berichten. Aber es ist oft so, dass für Patienten nicht die Zahnpflege und Dentalhygiene die oberste Priorität hat, da andere Themen im Vordergrund stehen. «Wenn etwas bedeutsam ist und sinnhaft erscheint, dann kommt es auch im Bewusstsein an», so Schmuckli-Zwahlen. Dafür braucht es die richtige Kommunikation, möglichst auf der gleichen Wellenlänge. 
Aber wo sehen Patienten eigentlich ihre eigene Aufgabe im Behandlungsprozess? Die Kunst besteht darin, dem Patienten nicht seine Aufgabe aufzuerlegen, sondern sie/ihn dazu zu bringen, dass es als eigenes Ziel verstanden wird. Dazu braucht es Vertrauen, das mit einer verständlichen Sprache ohne viele Fachbegriffe, einem Abbau bedrohlicher Handlungen und einem gezielten Aufbau von Vertrauen geschaffen werden kann. Man muss dem Patienten Zuversicht geben, dass durch die eigene Verhaltensänderung die Mundgesundheit positiv beeinflussbar ist.


Wie kann man Patienten motivieren? Silvia Schmuckli-Zwahlen hatte spannende Vorschläge.

Recall-Intervall
Mit «Systematik beim Recall-Besuch» ging es weiter im Vortrag von PD Dr. Christoph Ramseier. Grundsätzlich geht man davon aus, dass es sich beim Recall um einen fest definierten Ablauf von der Anamnese über den Befund bis hin zur Therapie inklusive Planung handelt. Jedoch gibt es da einige Systematiken zu beachten. Denn Recall heisst eben nicht, ich behalte den Patienten, sondern ich begleite ihn und entscheide jedes Mal neu, wie es abläuft, wer übernimmt und wie das Recall-Intervall aussieht.
Im Team sind (Fach-)Zahnarzt, Dentalhygienierikerin und Prophylaxeassistentin für die parodontale Gesundheit zuständig. Aber was darf denn eigentlich eine PA und was darf nur die DH? 
Das parodontale Screening kann vom Zahnarzt oder der DH durchgeführt werden. Gesunde Patienten werden zur weiteren Prophylaxe zugeteilt. Indizes werden von einer PA erhoben, wobei 1 x pro Jahr eine Untersuchung durch den Zahnarzt notwendig ist. Sowohl die DH als auch die PA überprüfen, dass aus einer Gingivitis keine Parodontitis entsteht. Wenn das erfolgreich gelingt, wird der Beruf von DH und PA immer noch wichtiger, da Parodontitis nachhaltig verhindert werden kann. In der Schweiz darf die PA heute erhöhte Sondierungswerte feststellen und auch kranke Veränderungen um ein Implantat erkennen. Sie muss dies jedoch dem Zahnarzt oder der DH melden, denn sie selbst darf die Tiefe nicht messen, sondern nur notieren, dass es eine Veränderung gibt. Somit hat die PA keine Verantwortung, diese liegt beim Zahnarzt! PD Ramseier kündigte an, dass es in Kürze ein SSP-Positionspapier zur parodontalen Gesundheit geben wird, das Qualitätsleitlinien und die interprofessionelle Zusammenarbeit definiert und die Bevölkerung sensibilisieren soll.


«Systematik beim Recall-Besuch» war das Thema von PD Dr. Christoph Ramseier,.

Über die Wässerli
Im Abschluss-Vortrag ging Prof. Dr. Niklaus Lang der Frage nach «Was bringen die angepriesenen Wässerli!?». Dabei teilte er seine Gedanken zur chemischen Biofilmentfernung. Er differenzierte zwischen der Kurzzeitanwendung, der intermittierenden Kurzzeitanwendung und der Langzeitapplikation. Das Ziel der chemischen Biofilm-Beeinflussung ist die Verhinderung von Pellikelbildung, bakterieller Kolonisierung und bakterieller Proliferation bis hin zur Zerstörung des bestehenden Biofilms. Normales Chlorhexidin wirkt, es führt aber zu Verfärbungen und diese machen der DH das Leben schwer. 

www.topcaredent.ch

Text und Bilder: Carmen Bornfleth