18. Okt. 2023

Onkologie – Let’s start over

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Carmen Bornfleth

In Basel ging es bei weitem nicht nur um die Weiterbildung und Wissensvermittlung. Für das Netzwerken mit Kolleginnen und Kollegen, das Knüpfen neuer Kontakte und den Besuch der zahlreichen Ausstellerstände mit einem vielfältigen Produktangebot war ebenfalls ausreichend Zeit eingeplant. Neben den Vorträgen im Plenarsaal auf deutsch und französisch wurden parallel drei kostenlose Industrie-Workshops zu neuen Produkten und Technologien angeboten. Die Themen der Vorträge reichten von Onkologie über nachhaltige Zahnmedizin bis hin zu multidisziplinärer Zusammenarbeit, Prävention, Diagnostik und Therapie oraler Erkrankungen.
Den Anfang machte PD Dr. Peter Krummenacher. Sein Thema: Gesundheitsfördernde Kommunikation. Worte wirken positiv oder negativ. So kann gelungene Kommunikation Schmerzen lindern und die Selbstheilung fördern. Gelungene Kommunikation spart Zeit und Geld. Gute Kommunikation fördert die Compliance, reduziert Nebenwirkungen, verbessert die Kundenbindung und erhöht die Patientensicherheit. Die Wortwahl hat somit eine entscheidende Bedeutung für den Heilungsprozess.

   
Das Vortragsprogramm war abwechslungsreich und das Interesse sehr gross.

Vor, während und nach Strahlentherapie
Prof. Dr. Benoît Schaller aus Bern sprach über Onkologie-Patienten vor, während und nach der Strahlentherapie. Ein regelmässiger Recall ist wichtig für die Frühdiagnostik – Dentalhygiene und Instruktion spielen daher eine wichtige Rolle, was auch durch Studien belegt ist. Der Referent sprach über Therapieprinzipien und Nebenwirkungen der Strahlentherapie. Im Rahmen der Prävention und Nachsorge ging er auf das Thema Raucherentwöhnung ein. Ein wichtiges Thema, zu dem Patienten auch in der Zahnarztpraxis motiviert werden sollten.
PD Jivko Kamarachev, Facharzt für Dermatologie in Zürich, gab einen interdisziplinären Überblick über prämaligne Erkrankungen der Mundschleimhaut. Drei Prozent der bösartigen Tumoren des Menschen treten im Mund auf, 90 % davon sind Plattenepithelkarzinome. Die 5-Jahres-Überlebensrate liegt bei 50 %. Durch Früherkennung und Behandlung können Mortalität und Morbidität deutlich gesenkt werden.

 
Parallel zu den Vorträgen auf dem Podium wurden auch Workshops angeboten.
 

Der extra- und intraorale Befund
Unter grossem Applaus betrat nach der Pause James Reeve die Bühne. Der dipl. Dentalhygieniker HF gab einen umfassenden Refresher zum extra- und intraoralen Befund mit aktuellen Erkenntnissen aus der Wissenschaft. Bei der extra-oralen Befunderhebung wird auf Gesichtssymmetrie, Hautveränderungen, Schwellungen, Lymphknotenvergrösserungen und Kiefergelenkbewegungen geachtet.
Intraoral werden der gesamte Mund, die Zunge, der Mundboden, die Schleimhaut, die Gingiva und der Gaumen untersucht. Alle Befunde sind in die Behandlung zu integrieren, insbesondere bei neuen PatientInnen muss eine gründliche Befunderhebung durchgeführt werden. Zur Risikoeinschätzung ist eine regelmässige Kontrolle auch bei Recall-Patienten sinnvoll. Bei verdächtigen Läsionen, die am besten fotografiert werden, sollte ein Zahnarzt oder die Stomatologie hinzugezogen werden.

Die stomatologische Basisuntersuchung
Erschreckende Bilder von bösartigen Tumoren der Mundschleimhaut hatte PD Dr. Valérie Suter (zmk bern) mitgebracht. Grundlage ist für sie die stomatologische Basisuntersuchung, bei der sie systematisch von vorne nach hinten vorgeht. Diese Basisuntersuchung ermöglicht es, verdächtige Befunde zu erkennen und rechtzeitig an einen Spezialisten zu überweisen. Das häufigste intraorale Malignom ist das Plattenepithelkarzinom, aber auch andere Malignome können durch Mundschleimhautbefunde erkannt werden.

 
Die zwei Tage wurden genutzt, um sich zu informieren und zu netzwerken.

Krebs und Ernährung 
Prof. Dr. Sabine Rohrmann von der Universität Zürich sprach über den Zusammenhang zwischen Krebs und Ernährung. Zunächst stellte sie verschiedene Ernährungsempfehlungen vor – angefangen bei «5 am Tag» über die «Schweizer Lebensmittelpyramide» bis hin zum «Tellermodell». In der Theorie sind diese bekannt. Aber wie sieht die Ernährungsrealität bei den EinwohnerInnen der Schweiz aus? Etwas anders, denn es werden viermal mehr Süssigkeiten, salzige Snacks und Süssgetränke konsumiert als empfohlen – so jedenfalls das Ergebnis der vorgestellten Studie. Weiter ging es um die Krebshäufigkeit in der Schweiz und die Frage, warum wir eigentlich glauben, dass die Ernährung das Krebsrisiko beeinflussen kann. Prof. Rohrmann stellte verschiedene Studienergebnisse vor, die genau solche Zusammenhänge bei Fleischkonsum, Alkohol etc. nachweisen konnten.

Wie kann KI helfen?
Künstliche Intelligenz in der Medizin war das Thema von Prof. Dr. Michael Krauthammer am zweiten Kongresstag. Er zeigte auf, wie KI verschiedene Probleme lösen kann. Dabei ging es um Innovation, Qualität, Arbeitszufriedenheit und Kostensenkung. Seiner Meinung nach kann man KI unter bestimmten Bedingungen vertrauen. Künstliche Intelligenz werde auch in der Zahnmedizin zu einem Wandel führen, wobei sich die Verantwortlichkeiten verschieben werden. Wohin genau die Entwicklung gehen wird, lässt sich heute noch nicht abschätzen. Es bleibt ein spannendes Thema.

Positive Effekte durch Honig und Milch
Welche positiven Wirkungen von Honig und Milch in der Zahnmedizin genutzt werden können, dazu hatte Dr. Alexandra Stähli Interessantes zu berichten. Honig ist weder erosiv noch kariogen. Durch die tägliche Einnahme von Propolis können Entzündungswerte verbessert werden. Milch kann die TGF-Beta-Gene beeinflussen, die bei der Wundheilung eine wichtige Rolle spielen. Joghurt wirkt antibakteriell und entzündungshemmend. Milch wirkt ebenfalls antiinflammatorisch, konnte aber in Versuchen keine direkte Wirkung auf Bakterien erzielen.

 
In den Pausen war in der Ausstellung viel los und die Aussteller zogen am Schluss ein positives Feedback.

Was Medikamente anrichten können
Das Thema «Unerwünschte Arzneimittelwirkungen in der onkologischen Therapie» wurde in zwei Vorträgen behandelt. Pharmazeutin Brigitta Voellmy-Ineichen aus Zürich stellte zunächst die Eigenschaften von Tumorzellen und die Prinzipien der Tumortherapie vor. Sie ging auf medikamentöse Tumortherapeutika ein und erläuterte, was eine DH darüber wissen sollte. Da onkologische Patienten sehr unterschiedlich sind, ist eine interprofessionelle Zusammenarbeit wichtig. 
Simone Widmer präsentierte einige Praxisbeispiele und zeigte auf, welche Massnahmen bei der Mukositis-Prophylaxe mit Zahnbürste, Mundspüllösung oder Interdentalbürste helfen können. Die DH kann Patienten zur Mundpflege und Mundhygiene motivieren – das ist nicht nur beim Thema orale Mukositis wichtig, sondern gilt auch bei lästiger Übelkeit oder Erbrechen. «Wenn Sie als DH Läsionen erkennen, sprechen Sie den Patienten darauf an. Dann muss auch der Arzt informiert werden, damit gegebenenfalls die Therapie für eine gewisse Zeit unterbrochen werden kann», rät Simone Widmer.

Ernährung und Schlucken
Weiter ging es mit Sylvia Huber, die über ihr Kerngebiet, die Ernährungsmedizin in der Onkologie und der Bedeutung einer multidisziplinären Zusammenarbeit sprach. Sie stellte diverse Hilfsmittel für den Praxisalltag vor. Bei Krebspatienten ist es wichtig, Mangelernährung frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Der direkte multidisziplinäre Support von Krebspatienten und ihren Angehörigen ist wichtig für eine effiziente Therapie und eine verbesserte Lebensqualität.

Dipl. Logopädin Sarah Stierli sprach über Dysphagie – die Störung des Schluckaktes. Etwa 1,5 Liter Speichel hat ein Mensch pro Tag. Bei Schluckbeschwerden stellt diese Menge ein grosses Problem dar. Für erfolgreiche Schluckbewegungen ist u. a. ein gut sitzender Zahnersatz wichtig. Das Unvermögen zu Schlucken kann zu Hypersalivation führen,

Zum Abschluss gab es Entspannung
Zum Abschluss beider Kongresstage war Vivian Mary Pudelko aus Wien angereist. Mit ihren sehr sympathischen Vorträgen zu Resilienz und Selbstfürsorge rundete sie die Veranstaltung inklusive Atem- und Entspannungsübungen perfekt ab.

www.dentalhygienists.swiss