23. Sept. 2026AVOLA-Symposium in Bern

Welche Rolle spielt Zahnmedizin bei Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Heute weiss man: Eine Entzündung im Mund bleibt nicht zwangsläufig auf die Mundhöhle beschränkt. Wissenschaftliche Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Parodontalerkrankungen und systemischen Erkrankungen wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder kognitivem Abbau. Die beiden Expertinnen Dr. med. dent. Céline Lenherr und Dr. med. dent. Giselle Richterich erläutern den aktuellen Stand der Evidenz, die zugrunde liegenden pathophysiologischen Mechanismen sowie Konsequenzen für Prävention, Screening und interdisziplinäre Betreuung.

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Dr. med. dent. Céline Lenherr (links) ist Zahnärztin und Forscherin an der Universität Luzern. Dr. med. dent. Giselle Richterich ist Zahnärztin und Mitgründerin von GutSense. Beide gehören dem Beirat von AVOLA an, einem unabhängigen gemeinnützigen Verein für Gesundheitsförderung und Gesundheitsbildung, und sind als Referentinnen beim AVOLA-Symposium am 16. Oktober 2026 in Bern dabei.

Wie sieht die Evidenz aus?

Die Mundgesundheit ist längst kein isolierter Bereich mehr. Zwar ist die Evidenz je nach Erkrankung unterschiedlich stark, doch für verschiedene systemische Erkrankungen sind Zusammenhänge mit der Mundgesundheit gut dokumentiert.
Besonders gut untersucht ist die bidirektionale Beziehung zwischen Parodontitis und Diabetes.
Menschen mit Diabetes entwickeln häufiger eine schwere Parodontitis. Umgekehrt kann eine unbehandelte parodontale Entzündung die Blutzuckerkontrolle erschweren und das Risiko für einen Typ-2-Diabetes erhöhen. «Dabei ist es wichtig, gut belegte Assoziationen von einem individuell nachgewiesenen Kausalzusammenhang zu unterscheiden», betont Dr. Richterich.¹
Auch für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bestehen klare Zusammenhänge. «Menschen mit schwerer Parodontitis erleiden häufiger Herzinfarkte oder Schlaganfälle, ein Zusammenhang, der sich nicht vollständig durch gemeinsame Risikofaktoren wie Rauchen oder Übergewicht erklären lässt», erklärt Dr. Lenherr. Ob eine Paro-dontalbehandlung diese Ereignisse verhindern kann, ist bislang jedoch nicht belegt.²
Beim Thema Demenz ist die Evidenz weniger eindeutig. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen Zahnverlust und kognitivem Abbau, der zeitliche Ablauf ist jedoch noch unklar. «Eine beginnende Demenz kann beispielsweise die Mundhygiene erschweren und dadurch zu Zahnverlust führen», so Dr. Lenherr.³

Pathophysiologische Mechanismen

Wie lassen sich diese Zusammenhänge erklären? Vereinfacht betrachtet stehen zwei mögliche Mechanismen im Vordergrund: systemische Entzündungsprozesse und der Übertritt von Bakterien beziehungsweise bakteriellen Bestandteilen in den Blutkreislauf.
«Eine schwere Parodontitis wirkt wie eine chronische Wunde im Mund und setzt kontinuierlich Entzündungsmediatoren in den Blutkreislauf frei, die Auswirkungen auf den gesamten Organismus haben können», erläutert Dr. Lenherr.⁴
Der zweite Mechanismus betrifft die Bakterien. Ist das Zahnfleisch entzündet, können Mundbakterien beim Kauen oder Zähneputzen vorübergehend in den Blutkreislauf gelangen. Studien zeigen, dass diese Bakterien oder ihre Bestandteile Gefässwände und Entzündungsprozesse beeinflussen können. Dr. Richterich weist jedoch auf eine wichtige Differenzierung hin: «Diese biologisch plausiblen Mechanismen rechtfertigen besondere Aufmerksamkeit, beweisen jedoch nicht, dass eine Parodontitis bei einer einzelnen Person direkt einen Herzinfarkt oder eine andere systemische Erkrankung verursacht.»⁵

Empfehlungen für Screening, Prävention und Behandlung

Aus den wissenschaftlichen Erkenntnissen ergeben sich auch Konsequenzen für den Praxisalltag. Internationale Empfehlungen sprechen sich für eine engere Zusammenarbeit zwischen Medizin und Zahnmedizin aus.⁶ Insbesondere Menschen mit Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten ihre Mundgesundheit regelmässig kontrollieren lassen. Eine parodontale Untersuchung ist mit geringem Zeitaufwand möglich und kann dazu beitragen, Risiken frühzeitig zu erkennen und behandlungsbedürftige Entzündungen nicht zu übersehen.
Die Behandlung einer Parodontitis erfolgt in erster Linie durch die professionelle mechanische Entfernung bakterieller Beläge, insbesondere unterhalb des Zahnfleischrandes. Bei Menschen mit Diabetes ist der Nutzen gut belegt: Eine Parodontalbehandlung kann das glykierte Hämoglobin (HbA1c) in klinisch relevantem Ausmass senken.⁷ Für die Prävention kardiovaskulärer Ereignisse fehlt ein entsprechender Nachweis bislang.
Auch die häusliche Mundhygiene spielt eine zentrale Rolle. Sie sollte individuell vermittelt, eingeübt und begleitet werden – abgestimmt auf das persönliche Risikoprofil, die manuellen Fähigkeiten und die jeweilige Mundsituation.

Die Rolle von Haus- und FachärztInnen

Haus- und FachärztInnen können an der Schnittstelle zwischen Medizin und Zahnmedizin eine wichtige Rolle übernehmen. Menschen mit chronischen Erkrankungen werden von ihnen häufig regelmässiger betreut als in der zahnärztlichen Praxis. Ein gemeinsames Konsensuspapier der Europäischen Föderation für Parodontologie und der europäischen Hausärzteorganisation unterstreicht, dass der Aufruf zu einer engeren Zusammenarbeit aus beiden Disziplinen kommt.⁶
Mit geringem zusätzlichem Zeitaufwand lassen sich entsprechende Fragen in die medizinische Anamnese integrieren. PatientInnen mit Diabetes oder koronarer Herzkrankheit können beispielsweise gezielt nach Zahnfleischbluten oder lockeren Zähnen gefragt und bei entsprechenden Hinweisen zur zahnärztlichen Untersuchung überwiesen werden.⁶
Auch der umgekehrte Weg ist relevant: Bei einer schweren oder rasch fortschreitenden Parodontitis können ZahnärztInnen eine Blutzuckerkontrolle empfehlen. Damit übernimmt die Zahnmedizin eine ergänzende Rolle in der Früherkennung – auch bei jüngeren oder bislang als gesund geltenden PatientInnen. Gerade dieses wechselseitige Zusammenspiel kann eine interdisziplinäre Versorgung im Praxisalltag wirkungsvoller machen.

Prävention braucht Zusammenarbeit

Wenn Medizin und Zahnmedizin ihr Wissen teilen, Risiken frühzeitig erkennen und PatientInnen gemeinsam begleiten, wird Prävention konkret. Eine solche Zusammenarbeit kann dazu beitragen, die Lebensqualität zu verbessern, vermeidbare Komplikationen zu reduzieren und langfristig ein nachhaltigeres Gesundheitssystem zu fördern.
Die Bedeutung von Prävention zeigt auch ein Blick auf die Gesundheitskosten: In der Schweiz entfallen laut Bundesamt für Gesundheit rund 72 Prozent der Gesundheitskosten auf nichtübertragbare Krankheiten. Gleichzeitig werden lediglich rund 1,5 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben für Gesundheitsförderung und Prävention eingesetzt.⁸ ⁹

AVOLA-Symposium in Bern

Genau hier setzt das multidisziplinäre Netzwerk AVOLA an. Ziel ist es, Prävention im Gesundheitssystem einen höheren Stellenwert zu geben und ihre Wirkung zu stärken. Am AVOLA-Symposium vom 16. Oktober 2026 in Bern kommen Fachpersonen und EntscheidungsträgerInnen aus Medizin, Zahnmedizin und weiteren Disziplinen zusammen. Im Mittelpunkt stehen der interprofessionelle Wissensaustausch, neue Kooperationen und die Frage, wie Prävention früher und systematischer in die Gesundheitsversorgung integriert werden kann.

https://www.avola.network/