30. Aug. 2017

Bitte zu Tisch und immer schön locker bleiben!

Pia Ocklenburg
Ich kann nicht anders: Ich beobachte Menschen gerne beim Essen. Nicht, dass ich die ganze Zeit jemanden unhöflich anstarre, während er speist. Aber es sind diese Gelegenheiten, sei es im privaten Rahmen oder beim Business Lunch, bei denen ich nicht umhin komme, mein Gegenüber beim Essen wahrzunehmen.

Gourmets auf Abwegen

Würde alles unspektakulär verlaufen, so hätte ich mir diese Angewohnheit wohl nicht zum Hobby gemacht. Weil ich mich aber in schöner, um noch besser zu sagen, in unschöner Regelmässigkeit immer wieder darüber wundere, wie sich zivilisierte Menschen bei Tisch benehmen, wurde ich nicht zur Mystery-Shopperin, sondern sozusagen zur Mystery-Esserin.
Inkognito unterwegs ertappe ich immer wieder Gourmets auf frischer Tat im Fettnäpfchen.
Tischmanieren werden einem von klein auf im Elternhaus mitgegeben. Würde man meinen. Wäre da nicht die Realität, die mich veranlasst, zur faszinierten Beobachterin zu werden.

Tischmanieren sind in!

So schlimm kann es nun wohl nicht sein, werden Sie entgegnen. Tischmanieren sind keine Kunst. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Sie sind keine Kunst. Und dazu muss man auch nicht den ganzen Knigge beherrschen. Andere werden einwenden, Tischmanieren seien heute nicht mehr von Nöten, da wir im Zeitalter des Fingerfood leben oder gar Fastfood verwöhnt nicht mehr gemeinsam an einem Tisch essen.
Sollten Sie aber trotz allem noch Wert auf Essen am gemeinsamen Tisch legen, dann dürfte es sich dabei nicht nur um eine reine Nahrungsmittelaufnahme handeln, sondern man isst und ist zusammen, um soziale Beziehungen zu pflegen. Diese pflegt man mitunter auch, indem man seinem Gegenüber ein angenehmer «geschmackvoller» Gesprächspartner ist.
So stört sich mein Empfinden dann an Geschmacklosigkeiten wie Reden mit vollem Munde oder wenn Messer in einer Selbstverständlichkeit mit der Faust gehalten oder abgeleckt werden. Nein, es handelt sich dabei nicht um ungezogene Kinder, sondern um ansonsten wohlerzogene Erwachsene aus der westlichen Businesswelt. Dass beide Hände auf den Tisch, nicht aber die Ellbogen darauf gehören, wissen viele nicht, oder sie scheinen an Lähmungserscheinungen der linken Hand zu leiden, die unter dem Tisch hängt, während sie mit der rechten Suppe oder Salat schaufeln.

Krümelmonster & Co.

Damit aus Effizienzüberlegungen die Wege kurz bleiben, führt der hungrige Oeconomicus den Mund in gebückter Haltung nah an den Tellerrand. Dass der Löffel zum Munde geht und nicht umgekehrt und eine aufrechte Haltung am Tisch eloquenter wirkt, scheint bei diesem Typus nicht von Interesse zu sein. Den Kämpfer-Typen erkennen Sie am Schlachtfeld auf dem Teller, wogegen es das Krümelmonster liebt, Spuren im weiteren Radius zu hinterlassen. Zum Abschluss des Geschehens passieren dann wundersame Dinge, wie der Kreuzzug des Bestecks, wenn nach getaner Arbeit Messer und Gabel als niedergestreckte Waffe überkreuzt oder ineinander verkeilt auf dem Teller liegen bleiben und der Nichtsahnende nicht ahnt, welches nonverbale Signal er dem Gastgeber damit vermittelt.

Knigge als «must have»

So wie der gekonnte Umgang mit dem Zahnarzt-«Besteck» ist ein gekonnter Umgang beim Essen ein «must have» für einen professionellen Auftritt. Wenn Sie als Chef mit Kunden essen gehen, oder Sie als Mitarbeiterin mit Ihrer Chefin unterwegs sind, dann wäre es doch jammerschade, wenn Sie in wenigen Essensminuten Ihren guten Eindruck durch so einfache Dinge wie Tischmanieren zunichte machen.
Man isst nicht nur, was man ist – sondern man ist, wie man isst. Deshalb kann ich Ihnen nur empfehlen: Werden Sie Mystery-Esser. Sie werden sich staunend amüsieren. Oder nehmen Sie zur kritischen Selbstbetrachtung vielleicht doch den verstaubten Knigge zur Hand: Dem werten Herrn Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr von Knigge war kleinkarierte Etikette zuwider. Ihn interessierte viel mehr, wie Menschen besser miteinander auskommen können, damit das Leben einfacher und angenehmer wird. Also nicht steif, sondern locker bleiben – auch beim Essen.
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