8. Dez. 2017

Drei Fragen zur Gerodontologie

SSO

Am 9. März 2018 findet bereits zum 2. Mal ein internationales Gerodontologie Symposium im Kursaal in Bern statt. Die Universitäten Bern und Genf laden gemeinsam zu der unter der Schirmherrschaft der SSO stehenden Veranstaltung ein. Welche Themen behandelt werden und welchen Nutzen der Privatpraktiker von der Teilnahme hat, das haben uns die Kongresspräsidenten Prof. Dr. Frauke Müller und Prof. Dr. Martin Schimmel verraten.
ZZS: Weshalb wird die Gerodontologie immer wichtiger?

Frauke Müller: Die Lebenserwartung eines Neugeborenen ist im letzten Jahrhundert von 47 Jahren auf über 80 Jahre gestiegen. Selbst mit 80 Jahren hat man heute noch eine durchschnittliche Lebenserwartung von 9 Jahren. Gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Allein diese Entwicklungen erklären die steigende Bedeutung der Gerodontologie.
Hinzu kommt, dass die jungen Menschen meist kariesfreie gesunde Gebisse haben, während bei älteren Patienten ein sehr hoher parodontaler und restaurativer Behandlungsbedarf besteht. Dies zum einen, weil sie bereits früher Füllungen und Restaurationen erhielten, die jetzt unterhalten und gegebenenfalls erneuert werden müssen, aber auch weil der Erhalt der Mundhygiene im Alter, besonders wenn mehrere chronische Erkrankungen vorliegen, schwieriger wird.
Zahlreiche Medikamente, die ältere Patienten einnehmen müssen, haben als Nebenwirkung eine Verringerung des Speichelflusses, was nicht nur die Mundgesundheit (Karies, Befeuchtung der Schleimhäute) sondern auch die Lebensqualität negativ beeinflusst. Wenn Visus, Tastsinn und Geschicklichkeit reduziert sind, dann ist es praktisch unmöglich die Mundhygiene perfekt durchzuführen. Hinzu kommen altersbedingte morphologische Veränderungen des Gebisses sowie nicht selten eine «Patchwork-Prothetik» mit zahlreichen Nischen für Nahrungsreste und oft überalterten Materialen, die wenig hygienefähig ist.

Martin Schimmel: Zudem verändern sich im Alter oft die Prioritäten unserer Patienten, insbesondere wenn der Alltag durch Einsamkeit, Krankheit und/oder Gebrechlichkeit gekennzeichnet ist. Die Gerodontologie beschäftigt sich aber nicht nur mit der zahnmedizinischen Betreuung und Behandlung von Senioren, sondern auch mit gesundheitspolitischen Aspekten, die sicherstellen, dass auch Menschen mit eingeschränkter Mobilität Zugang zu einer zahnmedizinischen Betreuung haben.
Die Gerodontologie hat also enorm an Wichtigkeit gewonnen und nimmt mittlerweile einen unbestrittenen Platz in der Zahnmedizin ein. Für junge Kollegen, die sich ein fachliches Spezialgebiet aufbauen möchten, ist die Betreuung von Senioren ein innovatives und interessantes Arbeitsfeld.

ZZS: «Gerodontologie: Interdisziplinär und facettenreich» lautet das Motto des Symposiums – Welche Themen werden abgedeckt?

Frauke Müller: Das Kongressprogramm deckt drei wichtige Gebiete der Alterszahnheilkunde ab. Ein erster Block beschäftigt sich mit den Zusammenhängen zwischen der Mundgesundheit und allgemeinmedizinischen Erkrankungen. Da viele Patienten im hohen Alter multimorbide sind, brauchen wir Kenntnisse über neue Generationen von Antikoagulantien.
Auch sollten wir wissen, welchen Einfluss die Mundgesundheit auf die altersassoziierten Erkrankungen hat. Ich kann Ihnen schon jetzt versprechen, dass in diesem Vortrag auch wichtige Tipps für Ihr eigenes gesundes Altern enthalten sein werden. Natürlich ist auch der rechtliche Rahmen zu berücksichtigen, wenn die Einverständniserklärung des Patienten nicht mehr gewährleistet ist. Kennen Sie die Revision des Erwachsenenschutzrechtes aus dem Jahr 2013?

Martin Schimmel: Ein Highlight wird sicherlich auch der Vortrag von Professor Besimo, der über die Kommunikation mit an Demenz erkrankten Menschen berichten wird. Ein Thema mit sehr praktischer Relevanz: Wie vorgehen, wenn der Patient einfach nicht den Mund öffnen möchte?
Ein zweiter Block des Kongresses widmet sich der «Hands-on»-Zahnmedizin. Bei alten und multimorbiden Patienten müssen wir unsere Behandlungskonzepte anpassen, so dass die funktionellen und kognitiven Einschränkungen des Patienten, aber auch seine Motivation berücksichtigt werden. Nicht alles was sinnvoll ist, ist beim alten Menschen auch machbar. Altersgerechte Therapiekonzepte sind meist minimalinvasiv, dentale Restaurationen einfach zu handhaben und ganz besonders hygienefähig. Auch planen wir «modifizierbar», um die vollständige Erneuerung von Zahnersatz im hohen Alter zu vermeiden, da hier oft eine herabgesetzte Neuroplastizität die Angewöhnung an eine neue Situation erschwert. Mit ein paar kleinen Tipps und Tricks können Sie alte Patienten selbst mit Implantatprothesen sinnvoll und erfolgreich versorgen.

Frauke Müller: Manchmal kann uns aber auch die Natur helfen: Lernen Sie von Professor Bartlett, wie man ein Abrasionsgebiss allein mit einer Dahl appliance therapieren kann.
Der letzte Block des Nachmittages befasst sich dann mit der Prävention und Zahnerhaltung. Nein, es ist nicht zu spät! – auch im Alter spielt die Prävention eine ganz entscheidende Rolle. Welche Art der Fluorapplikation ist besonders geeignet um Wurzelkaries vorzubeugen? Muss jede Karies mit einer Füllung behandelt werden? Und ist eine Wurzelfüllung überhaupt noch möglich, wenn doch das Pulpenkavum oft schon obliteriert ist? Die Antwort ist ja, und unsere Referenten werden praktische Tipps vorstellen, die die Kollegen bereits am folgenden Montag in die Praxis umsetzen können.

Martin Schimmel: Für all diejenigen, die gespannt sind auf den frisch berufenen Nachfolger von Professor Adrian Lussi, Herr Professor Meyer-Lückel wird einen seiner ersten Vorträge in der Schweiz zum Thema minimalinvasive Exkavation und Kariestherapie halten. Besonders freuen wir uns auf Cristiane da Mata aus Irland, die über Atraumatic Restaurative Treatment Konzepte berichtet. Da diese ganz einfache Art der Kariesbehandlung ganz auf rotierende Instrumente verzichtet, ist sie natürlich besonders geeignet für die Gerodontologie.

ZZS: Welchen Nutzen hat der Privatzahnarzt von der Teilnahme am Symposium?

Frauke Müller: Für jeden Kollegen und jede Kollegin wird am Symposium etwas geboten: Dem Anfänger werden Grundlagenkenntnisse und vor allem Freude an der Behandlung von alten Patienten vermittelt. Das wohl attraktivste an unserem Fach ist die Dankbarkeit und der menschlich nette Kontakt mit den Patienten. Die sozialen Aktivitäten werden im Alter oft seltener, so dass der Zahnarzt oft zum «Sozialpartner» wird. Diese oft freundschaftlichen Begegnungen bereichern ganz sicher den Arbeitsalltag. Natürlich können alte Patienten mit entsprechender Pathologie auch schon einmal aggressiv reagieren oder zubeissen – das muss man dann mit einem Schmunzeln hinnehmen.
Das Programm beschränkt sich aber nicht auf die Grundlagen. Auch fortgeschrittenen Kollegen oder Experten werden Neuigkeiten auf internationalem Niveau präsentiert, wobei wir grossen Wert auf evidenzbasierte Empfehlungen legen.

Martin Schimmel: Und falls am Ende doch noch Fragen unbeantwortet sind, gibt es beim «meet the Expert» in der umfangreichen und thematisch passenden Industrieausstellung ausreichend Gelegenheit zum informellen Austausch mit den Referenten.
Frauke Müller: Wir rechnen wieder mit etwa 500 Teilnehmern, so dass auch ein Wiedersehen mit alten Freunden und Kollegen, aber auch neue Bekanntschaften und Kontakte praktisch unausweichlich sind. Schon jetzt haben fast alle angefragten Aussteller gebucht, und Sie können sich auf Neues aus den Gebieten CAD/CAM, Attachmentsysteme, Füllungs- und Restaurationsmaterialen, Kariesprävention, Mundspülungen und vieles mehr freuen.
Ein spannender Tag erwartet Sie, vollgepackt mit wissenschaftlichen und klinisch relevanten Informationen, gepaart mit den entsprechenden Produktneuheiten aus der Industrie. Wir freuen uns darauf, möglichst viele interessierte Kolleginnen und Kollegen in Bern begrüssen zu können.
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2. Internationales Gerodontologie Symposium:
Wissenschaftliches Programmkomitee
Prof. Dr. Martin Schimmel, Universität Bern
Prof. Dr. Frauke Müller, Universität Genf
Organisationskomitee
Prof. Dr. Martin Schimmel, Universität Bern
Prof. Dr. Frauke Müller, Universität Genf
Prof. Dr. Daniel Buser, Universität Bern
Caroline Chételat, CCDE, Bern
Datum
9. März 2018

Ort
Kongress und Kursaal Bern

Anmeldung
Center for Continuing Dental Education CCDE
Marktgasse 7, CH-3011 Bern
Tel. +41 31 312 43 16
info@ccde.ch
www.ccde.ch
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