16. Juni 2026Pathogenese verstehen – Zahnsubstanz schützen

Dentale Erosionen in der Praxis

Zahnerosionen und erosiver Zahnhartsubstanzverlust spielen eine immer wichtigere Rolle, sowohl in der zahnärztlichen Praxis als auch im täglichen Leben. Die Prävalenz steigt seit Jahren in allen Altersgruppen: Mindestens jeder dritte Erwachsene hat mindestens einen Zahn mit klar erkennbaren Erosionen.

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Deutlich zu erkennen ist okklusal die Füllung, die die benachbarte Zahnhartsubstanz überragt, und die Dellen auf den Kauflächen der Prämolaren.

Gründe für die steigende Prävalenz von Zahnerosionen und erosivem Zahnhartsubstanzverlust sind u. a. ein veränderter Lebensstil mit saurer Nahrung, mehr Stress und mehr Reflux, aber auch ein besseres Fachwissen, das zu mehr Diagnosen führt.

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Palatinaler erosiver Zahnhartsubstanzverlust.

Dentale Erosion versus Karies

Während es bei Karies einen definierten kritischen pH-Wert für den Zahnschmelz gibt, kann das Auftreten von Zahnerosion keinem definierten pH-Wert zugeordnet werden. Bei Karies ist die so genannte «Plaqueflüssigkeit» entscheidend, deren Zusammensetzung aus Kalzium, Phosphat, Fluorid u. a. relativ konstant ist. Daher ergibt sich ein kritischer pH-Wert für Karies, der bei allen Personen in etwa gleich ist: ca, 5,5 für Schmelz und ca. 6,5 für Dentin.
Eine dentale Erosion ist eine durch Säuren, aber ohne Beteiligung von Bakterien hervorgerufene Erweichung (Demineralisation) der Zahnhartsubstanz. Sie entsteht an Zahnoberflächen ohne Biofilm. Wird die erweichte Schicht durch Abrasion oder Attrition entfernt, resultiert daraus ein erosiv bedingter Zahnhartsubstanzverlust.
Die den Zahn umgebende «Flüssigkeit» enthält je nach Getränk oder Speise eine andere Konzentration gelöster Stoffe. Deshalb kann bei dentalen Erosionen kein spezifischer kritischer pH-Wert definiert werden. Ob es zur Demineralisierung der Zahnhartsubstanz kommt, hängt sowohl bei Karies als auch bei Erosionen nicht nur vom pH-Wert der den Zahn umgebenden «Flüssigkeit» selbst ab. Ebenso wichtig ist die Konzentration der gelösten Stoffe, die beim jeweiligen pH-Wert mit den Zähnen in Berührung kommt. Die umgebende «Flüssigkeit» ist bei Karies die Plaque und bei dentalen Erosionen z.B. das Getränk. Ist der Gehalt an Ionen in der «Flüssigkeit» gering, gilt sie als untersättigt und es kommt zur Demineralisierung (Entkalkung) der Zahnhartsub-stanz. Dieser Prozess schreitet so lange voran, bis ein Gleichgewicht erreicht ist. Dieses Gleichgewicht kann erreicht werden, wenn sich z. B. Kalzium aus dem Zahn herausgelöst hat. Ist der Gehalt an gelösten Substanzen – insbesondere Kalzium – in der Flüssigkeit hingegen hoch, findet keine Demineralisierung statt. Bei einem niedrigen pH-Wert ist es daher möglich, dass eine hohe Konzentration von Kalzium der Erosion entgegenwirkt, da die Flüssigkeit hinsichtlich der Zahnsubstanz gesättigt oder sogar übersättigt ist. Bei geringen Kalzium-Konzentrationen kann es dagegen schon bei einem höheren pH-Wert zu einer erosiven Demineralisierung der Zahnsubstanz kommen, da die Flüssigkeit untersättigt ist. Getränke wie mit Kalzium versetzter Orangensaft oder Speisen wie Joghurt besitzen viel Kalzium und können daher erosiven Prozessen entgegenwirken. Die Zugabe von Kalzium in Getränken und Speisen hat wegen Lösungsproblemen, Geschmackveränderungen und gesetzlichen Vorschriften aber Grenzen.
Eine Demineralisation mit Erweichung der Zahnhartsubstanz wird als dentale Erosion bezeichnet. Sobald diese erweichte Schicht durch mechanische Einflüsse (Abrasion oder Attrition) verloren geht, spricht man von erosivem Zahnhartsubstanzverlust (Tabelle 1).

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Die bukkalen dentalen Erosionen sind verfärbt. Beachte die typische intakte Schmelzleiste bei der Gingiva, hervorgerufen auch durch die neutralisierende Wirkung der Sulkusflüssigkeit.

Auch bei saurem pH-Wert nicht unbedingt Erosion

Der pH-Wert ist ein sehr wichtiger, wenn auch nicht der einzige Faktor, der über das erosive Potential eines Getränkes oder einer Speise entscheidet. Man kennt Erfrischungsgetränke, Sportgetränke oder auch Medikamente, die zwar sauer sind, aber nicht erosiv wirken. Mit dem QR-Code am Ende des Artikels können Sie das erosive Potential von mehr als 200 Getränken, Lebensmitteln, Medikamenten und Mundspülungen nachschlagen.

Mit Kalzium versetzte erosive Speisen und Getränke

In einer kürzlich publizierten Studie wurden Mahlzeiten und Getränke so modifiziert, dass sie kein erosives Potenzial mehr aufweisen. Ferner wurden diese Speisen und Getränke auch einem Geschmackstest unterzogen (Hahne et al. 2026). In einem Verbrauchertest wurden die originalen und modifizierten Gerichte nacheinander in puncto Aussehen und Geschmack verglichen. Insgesamt schnitten die modifizierten Gerichte gleich gut oder besser ab als das Original (siehe oben). Statt einem Härteverlust von 9 % wurde sogar eine Härtezunahme des Zahnschmelzes von 1 % erreicht.
Abgeleitet von der oben erwähnten Untersuchung ist es für Apfel- und Orangensaft möglich, mit einfachen Massnahmen das erosive Potenzial zu reduzieren oder sogar zu verhindern. Das Beispiel «Saftschorle» zeigt, wie man durch Verdünnung mit kalziumreichem Mineralwasser erosives Potential verhindern kann. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hält eine tägliche Gesamt-Kalziumaufnahme von 2 500 mg/Tag für unbedenklich, also aus natürlichen und angereicherten Lebensmitteln sowie aus Supplementen. Um keine Überschreitung zu riskieren, empfiehlt das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), täglich höchstens 500 mg Kalzium aus Supplementen aufzunehmen.

Nach sauren Speisen: Nicht mit dem Zähneputzen warten!
Mythos: Wartet man nach einer Säureattacke mit dem Zähneputzen, repariert Speichel in der Zwischenzeit die Zahnschäden und baut verlorenes Kalzium und Phosphat wieder in den Zahnschmelz ein.
Fakten: Tatsächlich dauert es wochenlang bis erosionsgeschädigter Zahnschmelz im Mund wieder härtet.
Fazit: Ob man die Zähne nach saurer Mahlzeit sofort, nach einer halben Stunde oder nach Stunden putzt, spielt für den Zahnabrieb keine Rolle – er ist immer gleich und kann durch Warten nicht verhindert werden.
Empfehlung: Da die meisten Mahlzeiten neben Säuren auch Zucker enthalten, sollte man die Zähne nach einer Mahlzeit sofort putzen, um Karies zu verhindern.

Das Märchen mit dem Warten vor der Zahnreinigung

Bei dentalen Erosionen kommt es zu einer Erweichung der Zahnhartsubstanz. Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass die Wiedererhärtung der erweichten Zahnhartsubstanz ein langsamer Prozess ist, denn natürlicher Speichel enthält im Gegensatz zu künstlichem Speichel neben den zur Remineralisation nötigen Mineralstoffe auch Proteine, welche die Remineralisation hemmen. Es dauert deshalb lange (Tage bis Wochen) bis Schmelz und Dentin wieder so weit remineralisiert, also erhärtet sind, dass sie den mechanischen Kräften beim Zähneputzen widerstehen können.

Die Schlussfolgerung aller hochwertigen Untersuchungen ist eindeutig: Auch nach einer längeren Wartezeit vor der Zahnreinigung wurde nie weniger erosiver Zahnhartsubstanzverlust gefunden als ohne Wartezeit: Einmal aufgeweichte (demineralisierte) Zahnhartsubstanz wird durch mechanische Kräfte abgetragen. Diese Kräfte können neben dem Zähneputzen auch von der Zunge, aber auch vom Wangenkontakt herrühren.
Eigentlich gibt es immer Bereiche auf den Zähnen, die mit dem dentalen Biofilm, der Plaque bedeckt sind. Der pH-Abfall in der Plaque findet sofort statt und demineralisiert die Zähne, was nur mit sofortiger Zahnreinigung verhindert werden kann.
Die manchmal beschriebenen kurzen Wiedererhärtungszeiten von 30 bis 60 Minuten basieren auf Versuchen im Labor, bei denen künstlicher Speichel verwendet wurde. Die im natürlichen Speichel vorhandenen (die Wiedererhärtung hemmenden) Proteine wurden in Laborversuchen dem künstlichen Speichel nicht zugesetzt und so wurde eine bessere Erhärtung der Zahnhartsubstanz gemessen als bei Verwendung von natürlichem Speichel. In einer kürzlich publizierten Untersuchung im renommierten Publikationsorgan «Caries Research» wurde diese Thematik eindeutig beantwortet: «Zähneputzen mit fluoridierten Produkten unmittelbar nach einer erosiven Attacke erhöht das Risiko für erosiven Zahnhartsubstanz nicht und kann empfohlen werden, was mit den Empfehlungen zur Kariesprävention übereinstimmt.».
Nach Erbrechen wird empfohlen, sofort die Mundhöhle mit Wasser zu spülen. Das reduziert die Säure-Ionen um einen Faktor 16.

Kontakt

Prof. Dr. Adrian Lussi
adrian.lussi@unibe.ch

Dorothee Hahne
Diplom-Oecotrophologin, Büro für Medizinjournalismus, Köln (D)

Rezeptideen mit Erosionsschutz

(verifiziert an menschlichen Prämolaren)

Feldsalat («Nüsslisalat») mit Joghurtdressing
Zutaten für 2 Portionen:
Dressing: 25 g fein geschnittene Zwiebel, 2 EL weisser Balsamessig, 2 EL Rapsöl, 2 EL Naturjoghurt, 2 EL Schnittlauchröllchen, Salz, schwarzer Pfeffer aus der Mühle, 1 Prise Zucker zum Abschmecken. 100 g Feldsalat («Nüssler»)
Zubereitung: Alle Zutaten für das Dressing verrühren. Feldsalat mit dem Dressing vermischen.
Parmesanspäne bieten zusätzlichen Schutz.
Leicht zu merken: 2 EL Essig – 2 EL Joghurt

Fruchtsalat mit Nüssen und Joghurttopping
Zutaten für 2 Portionen:
80 g Banane, 80 g Erdbeeren, 80 g Aprikosen, 80 g Heidelbeeren, 60 g Himbeeren, 15 g Haselnüsse, 15 g Mandeln, 250 g griechischer Naturjoghurt
Alle Früchte in mundgerechte Stücke schneiden und vermengen. Haselnüsse und Mandeln mit einem grossen Messer grob hacken und unter den Fruchtsalat geben, den Joghurt in den Fruchtsalat geben.
Statt einem Härteverlust von 9 % im Originalrezept wurde durch Zugabe von Nüssen und Joghurt eine Härtezunahme um 1 % erreicht.

Saftschorle: Der richtige Mix mit Erosionsschutz
Apfel- oder Orangensaft mit Mineralwasser (ca. 500 mg Ca/l) im Verhältnis 1:2 (1 Teil Saft, 2 Teile Wasser) verdünnen, z. B. Adelbodner, Adello, Aqua Römer, Bella Fontanis, Eptinger, Löwensprudel, Steinsieker u. a. m.
Apfel- oder Orangensaft mit Mineralwasser (ca. 350 mg Ca/l) im Verhältnis 1:3 (1 Teil Saft, 3 Teile Wasser) verdünnen, z. B. Aproz, Bad Dürrheimer,
Gerolsteiner, Thalheim, Valser