17. Feb. 2024

Netzwerk von und für Zahnärztinnen und Chirurginnen

Am 18. Januar 2024 fand an der Fernfachhochschule in Zürich, hoch über den Dächern des Gleisareals, der zweite offizielle Anlass der Vereinigung «Swiss Women in Dentistry», kurz SWID, statt. Geboten wurde eine Veranstaltung mit fachlich hochwertigen Vorträgen und Fortbildungspunkten – vorerst nur für Zahnärztinnen und Chirurginnen.

SWID im Januar 2024 in Zürich
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Die Idee zur Gründung einer Vereinigung für Zahnärztinnen und Chirurginnen in der Schweiz hatte Präsidentin Dr. Dr. Sandra Fatori bereits vor mehreren Jahren. Während der Corona-Krise entstand zunächst ein virtueller Study Club mit Chat-Gruppe. In dieser fand während des Lockdowns und der nachfolgenden Zeit der Kurzarbeit, Notfallbehandlung und stetig strenger werdenden Hygienerichtlinien ein hilfreicher Austausch zur Arbeitsbewältigung im Praxisalltag statt, was die Politik unzureichend lösen konnte. Dieser Wunsch generierte eine Plattform für den fachlichen Austausch, welche es in dieser Form bisher in der Schweiz noch nicht gab.
Vor rund einem Jahr war die erste physische Veranstaltung. Daran nahmen zwanzig Zahnärztinnen teil. Bereits damals wie auch heute hat sich die Straumann Group, vertreten durch Lisa Matele, als Pionierin und Unterstützerin der Zahnärztinnen und Chirurginnen positioniert. Aktuell zählt die Vereinigung bereits die fünffache Anzahl an Mitgliedschaften und hatte fast vier Mal so viele Teilnehmerinnen beim zweiten Event.

Engagierte Vorstandschaft

Der engagierte Vorstand besteht aus folgenden Zahnärztinnen und Ärztinnen: Dr. Dr. Sandra Fatori (SWID-Präsidentin), PD Dr. Dr. Astrid Kruse-Gujer (Vizepräsi-dentin und wissenschaftliche Kommission), PD Dr. Dr. Christine Jacobsen (Wissenschaftliche Kommission und Beisitzerin), Dr. Nathalie Millot (Generalsekretärin und Kommunikation), Dr. Nira Mählmann (Protokollantin und Beisitzerin) und Dr. Anne Jess ist für die Finanzen zuständig.
Ihre Motivation entwickelte sich aus der Erkenntnis, dass alle Praxisinhaberinnen und angestellte Zahnärztinnen vor ähnliche Herausforderungen gestellt sind. Fatori betonte, dass diese Aufgabe nicht allein durch die Kolleginnen gelöst werden kann. Eine Zusammenarbeit mit der Politik ist notwendig. Mit SWID wird auch eine gezielte Überweisungsplattform geboten.

Mehr als 70 Teilnehmerinnen kamen zum SWID Summit nach Zürich.
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Mehr als 70 Teilnehmerinnen kamen zum SWID Summit nach Zürich.

SWID hat viel vor

Die SWID hat sich viele Ziele für die Zukunft vorgenommen: Im Fokus stehen insbesondere die Vernetzung, die interdisziplinäre Zusammenarbeit der Zahnmedizin mit der Humanmedizin, die Förderung der fachlichen und persönlichen Kommunikation und der Wissensaustausch in einer Chatplattform. Weitere Zwecke der Vereinigung sind das Mentoring von Jungzahnärztinnen mit Partnerpraxen, die Unterstützung von Staatsabgängerinnen bei der Vermittlung von Arbeitsstellen, die Durchführung von Praxisgründungsseminaren, die Weiterentwicklung des Tools «swid-rentadent.ch» für die Vermittlung von Arbeitseinsätzen von Praxispersonal und Zahnärztinnen sowie der Ausbau eines Referentinnen-Pools aus Expertinnen. Nicht zuletzt gibt es auch Industriepartnerschaften und Mitglieder sollen von speziellen Einkaufskonditionen mit Industriepartnern profitieren.
Präsidentin Dr. Dr. Sandra Fatori zeigte sich überwältigt von dieser Resonanz. Sie betonte die Wichtigkeit des Netzwerkes unter Kolleginnen: «Ohne den Support meiner Vorstandskolleginnen wäre die Vision nie zu einer Mission geworden.»

Von der Minderheit zur Mehrheit

Bei ihrer Eröffnungsrede zeigte Dr. Dr. Fatori auf, wie sich der Frauenanteil der Zahnärztinnen über die letzten zwanzig Jahre von einer Minderheit in eine Mehrheit entwickelte. Der «Genderswitch» erfolgte 2017 und bis 2030 ist laut einer Studie von Brecht et al. mit einem Frauenanteil von 70 % zu rechnen. Die aktuelle Statistik vom BAG zeigt, dass im Jahr 2022 genau 526 Personen eine neue Berufsausübungsbewilligung (Tätigkeit in eigener fachlicher Verantwortung) bekommen haben – 55 % davon waren weiblich. In der Kinderzahnmedizin und der Kieferorthopädie überwiegen bereits heute die Zahnärztinnen. Im Bereich der Oralchirurgie und Implantologie überwiegen die Zahnärzte. Zahnärztinnen sind bei Fachkongressen deutlich untervertreten. Die SWID erhält grosszügige Unterstützung von der Straumann Group, um Zahnärztinnen in diesen Disziplinen zu fördern.

SWID-Vorstandschaft zusammen mit den Partnern und Unterstützern.
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SWID-Vorstandschaft zusammen mit den Partnern und Unterstützern.

Gendermedizin - Sinn oder Unsinn?

Die Veranstaltung hob auch die Vorteile mono-edukativer Fort- und Weiterbildungsveranstaltungen hervor, die zu massgeschneiderten Lösungen und Innovationen führen können.
Der Einführungsvortrag des Anlasses befasste sich passend mit dem Thema «Gendermedizin – Sinn oder Unsinn?». Es wurden geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medikamentenwirkung und Mortalitätsraten beleuchtet.Geschlechterunterschiede in der Pharmakokinetik führen zu geschlechtsspezifischem Arzneimittelbedarf und sind häufig mit Nebenwirkungen bei Frauen assoziiert. Tierversuche werden immer noch überwiegend an männlichen Tieren durchgeführt. Klinische Studien berücksichtigen das Geschlecht unzureichend. Es fehlen Leitlinien zu geschlechtsspezifischen Dosierungen (Zucker & Prendergast 2020).

Es braucht noch mehr Forschung

Fatori zitierte Dr. Petra Jantzer, Senior Managing Director bei Accenture: «Die Entwicklung von neuen Medikamenten wird mit überdurchschnittlich vielen Männern gemacht, was keine repräsentative Darstellung der Population, die man eigentlich behandeln will, repräsentiert. Es benötigt jedoch noch viel mehr Forschung in allen Fachbereichen der Medizin und Zahnmedizin sowie eine Aufarbeitung der Pharmakologie. Generative Artificial Intelligence ist ein grosses Thema gerade in der Forschung und klinischen Entwicklung. Wir müssen aufpassen, klinische Entwicklungen nicht zu akzelerieren durch den Gebrauch dieser Modelle, die auf Männerdaten basieren, da besteht die Gefahr den Bias zu verstärken.»
Ein gutes Beispiel hierzu ist beispielsweise die Häufigkeit von Herzinfarkten: Männer erleiden häufiger einen Herzinfarkt und sind früher im Leben davon betroffen. Frauen haben vermehrt im Alter einen Herzinfarkt. Frauen stemmen oft mehrheitlich die familiären Verpflichtungen von Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen und Haushalt. Diese Mehrfachbelastung überschreitet irgendwann die Grenzen des Machbaren. Daher erstaunt es nicht, dass in der Schweiz sogenannte «nicht-traditionelle» Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, hierunter sind psychosoziale Belastungen, Stress und Schlafstörungen zu verstehen, in den letzten 15 Jahren bei Frauen deutlich zugenommen haben (Neurovascular disease in Switzerland: 10‐year trends show non‐traditional risk factors on the rise and higher exposure in women - Hänsel - 2022 - European Journal of Neurology - Wiley Online Library).
Eine zunehmende Anzahl an Studien belegt, dass das weibliche Herz-Kreislauf-System sensibler auf Stress reagiert als das männliche (Kardiovaskuläre Gendermedizin: Stress und Herz | Ärzte Krone (medmedia.at). Letzteres zeigt sich auch anhand des häufigeren Vorkommens der sogenannten stress-induzierten akuten Herzerkrankung beim weiblichen Geschlecht, auch bekannt als ‘Takotsubo-Kardiomyopathie’. Diese tritt in Folge eines emotional sehr belastenden Ereignisses bei vorwiegend postmenopausalen Frauen auf (http://www.kardiologie.insel.ch). Gendermedizin ist demnach alles andere als Unsinn.

Prof. Dr. Dr. h.c. Mutlu Özcan unterstützt die Vereinigung.
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Prof. Dr. Dr. h.c. Mutlu Özcan unterstützt die Vereinigung.

Strahlenschutz & Co.

Anschliessend folgte ein informativer Vortrag von Jordi Röntgentechnik zu den Themen Strahlenschutz, Orthopantomographie, Datenschutz von Röntgenbildern und mehr. Die Inhalte der Vorträge von Adrian Müller und Roman Kalt lösten eine angeregte Diskussion und ein Informationsaustausch aus dem Publikum aus, was in der Form selbst die Organisatorinnen überraschte.

KI in der Kariesdiagnostik

Ein zukunftsweisender Schlussvortrag des Abends wurde von der Dentalhygienikerin Lisa Kropf von der Firma Nostic Solutions gehalten. Kropf stellte die Software vor und Fatori zeigte anhand von klinischen Fotos der Kariestherapie, wie künstliche Intelligenz in der Kariesdiagnostik bei der Auswertung von Bissflügelaufnahmen hilft. Damit gaben sie einen spannenden Einblick in die Nutzung von künstlicher Intelligenz in der zahnmedizinischen Diagnostik.
Weitere Sponsoren waren das Dentallabor Seiler & Scheidegger und W & H Schweiz.
Der Summit endete mit einer angeregten Diskussion und setzte einen Meilenstein für die Förderung von Frauen in der zahnmedizinischen Fachwelt. Prof. Dr. Dr. Mutlu Özcan, Ehrengast von der Universität Zürich, unterstrich den Erfolg der Veranstaltung.
Beim abschliessenden Apéro waren die Stimmen der Teilnehmerinnen ebenso einvernehmlich positiv. Der SWID Summit hat nicht nur den Grundstein für jährliche Folgeveranstaltungen gelegt, sondern auch eine Bewegung ins Rollen gebracht, die weit über die Grenzen der Veranstaltung hinausreichen wird.

Dr. Dr. Sandra Fatori spricht über KI in der Kariesdiagnostik.
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Dr. Dr. Sandra Fatori spricht über KI in der Kariesdiagnostik.

Ausblick 2024

Der nächste Anlass findet am 8. März 2024 in der Drinxbar in Zürich unter dem Motto: «Meet & Greet zwischen den Mentorinnen und den Mentees» statt.
Der nächste SWID Summit mit Generalversammlung ist am 27. Juni 2024. Weitere Informationen zur Organisation, zur Mitglieder-Aufnahme und weiteren Terminen gibt es online.

swisswomenindentistry.ch

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«Meet & Greet zwischen den Mentorinnen und den Mentees»
am 8. März 2024

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SWID Summit mit Generalversammlung
am 27. Juni 2024