17. Aug. 2026Ratgeber

Die Macht der vier Sekunden

Sie redet sich den Mund fusselig. Julia hat es schon so oft gesagt und wiederholt es zum x-ten Mal: Das Team muss unbedingt an der Stimmung arbeiten, sich gegenseitig mehr unterstützen, die Motivation steigern. Wie oft soll sie es noch sagen? Sie hat den Eindruck, es hört ihr niemand zu.

Brezovar Right Path
ZZS

Julia ist Praxismanagerin und doch wirkt nichts, was sie sagt. Ihre Mitarbeiterinnen hören ihr zwar zu, doch sie hören nicht hin. Julia fragt sich, was hier nicht stimmt. Sie fragt sich jedoch nicht, was vielleicht mit ihr nicht stimmt, mit ihrem Führungs- oder Kommunikationsverhalten.
Vielleicht kennen Sie Menschen, die viel sprechen, aber nicht viel sagen. Man lässt den Redeschwall über sich ergehen, in der Hoffnung, dass er bald vorbei sein möge. Man duckt sich unter ihm hinweg. So tauchen auch die Mitarbeitenden unter Julias Klagen ab. Äusserlich tun sie zwar so, als ob sie zuhören würden. Innerlich haben sie schon lange abgehängt.

Schweigen als Führungsinstrument

Wer zu viel redet, hat wenig zu sagen. Wer wenig sagt, dem hört man eher zu. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Doch Schweigen ist noch viel mehr, nämlich ein wertvolles Führungsinstrument. Wenn es im richtigen Moment eingesetzt wird, wird es laut und wirksam. Wenn Schweigen als interessiertes Zuhören wahrgenommen wird, dann ist es die grösste Wertschätzung, die ein Teammitglied erfahren kann.
Wann wird Schweigen laut? Wenn beispielsweise Erin, die Dentalassistentin, sehr verärgert ist und ihren Unmut lautstark bei Julia auslässt. Würde Julia sofort reagieren und Erin beschwichtigen, dann würde Erin nur noch mehr überzeugen wollen, wie schlimm es gerade um sie stehe. Wenn es Julia jedoch schafft, lange vier Sekunden Pause zu machen, nachdem Erin sich ausgesprochen hat, dann kann das Gesagte erst einmal wirken. Diese vier Sekunden Stille fühlen sich lauter an, als wenn wir reflexartig antworten. Sie sind oft Gold wert, weil sie dazu führen, dass das Gespräch sich beruhigt und danach entspannter verläuft. Diese vier Sekunden sind die wertvolle Grenze zwischen instinktiv reagieren und bewusst antworten.

Wann wird Schweigen zur echten Wertschätzung?

Es gibt kein grösseres Kompliment, als wenn mir meine Chefin aufmerksam zuhört, Interesse an meiner Perspektive zeigt und versucht, mich zu verstehen. Echtes Zuhören bedeutet empathisch sein und der anderen Person den Raum geben, sich auszudrücken, ohne verurteilt zu werden. Das heisst auch: körperlich zugeneigt bleiben, freundlichen Blickkontakt halten und Vertiefungsfragen stellen, statt schon die Gegenargumente im Hinterkopf zu wälzen. Manchmal gleichen Gespräche einem Duell: Jeder wartet nur darauf, seine Argumente abzufeuern. Das ist ein gegenseitiges Bekämpfen, kein Zuhören. Zuhören heisst verstehen wollen, auch wenn ich eine andere Sicht auf die Dinge habe.
So wäre es für Julia hilfreich, wenn sie sich mehr im Zuhören und Schweigen üben würde. Wenn sie es schafft, ihrem Team mehr Gehör zu schenken, wird sie besser verstehen, was gerade wirklich wichtig ist. Und wenn sich ihre Kolleginnen verstanden fühlten, hören sie Julia auch wieder zu, wenn sie dann etwas zu sagen hat. Lieber mehr fragen und weniger sagen.

Ein wirksames Statement

Vielleicht liegt der Schlüssel für Julia darin, den Redeschwall durch Klarheit zu ersetzen. Kurze Sätze. Struktur statt Wiederholung: Erstens, die Ausgangslage; zweitens, das Ziel; drittens, die Möglichkeiten. Ein wirksames Statement könnte so klingen: «Liebes Team, ich habe verstanden, dass euch der Zusammenhalt wichtig ist, ihr dafür aber zu wenig Zeit findet. Mein Ziel ist es, dass wir in Zukunft mehr Gelegenheiten dafür schaffen. Ich sehe die Möglichkeit, dass wir jedes Quartal eine gemeinsame Aktivität planen. Wie klingt das für euch?»
Und dann folgt der wichtige Moment: Julia schweigt. Wer das letzte Wort hat, gewinnt zwar das Argument, verliert aber oft das Team. Wer hingegen den Raum der Stille nutzt, gewinnt Wirksamkeit.

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Barbara Brezovar Capobianco
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