23. Sept. 2026Ratgeber

«Pling» statt Pause: Wenn die Arbeit in der Freizeit klingelt

Samstagnacht: Johanna wälzt sich im Bett, kann nicht einschlafen. Wenn bloss dieses Kopfkino nicht wäre. Ihr Arbeitsberg ist riesig. Und jetzt fällt ihr ein, dass sie vergessen hat, ihrer Praxismanagerin einen wichtigen Auftrag zu erteilen.

Brezovar Right Path
ZZS

Als Zahnärztin trägt sie grosse Verantwortung für ihr Unternehmen. Johanna arbeitet auch am Wochenende, weil sie es tagsüber mit so vielen PatientInnen nicht schafft, alles zu regeln. Dann überarbeitet sie ihre Mailbox und erteilt Aufträge an ihr Team, so kann sie am Montag gut vorbereitet in die Woche starten. Dass sie sich nicht erholen kann, merkt sie zwar, aber was soll man machen?
Leonora, ihre Praxismanagerin, liegt entspannt auf dem Sofa, als sie am Samstagabend nach 23.00 Uhr ein «Pling» beim Netflixen unterbricht. Einem Reflex folgend, liest sie die dringende E-Mail ihrer Chefin, die sie ziemlich herausfordert. Der entspannte Samstagabend ist dahin, der Sonntag auch, denn in Leonoras Kopf drehen sich die Gedanken um diese geschäftliche Aufgabe, für die sie noch keine Lösung hat.
Sonntagmorgen: Sandra, die Praxisassistentin, streckt und reckt sich gerade gemütlich in den Sonntag, als sie die WhatsApp-Nachricht erreicht: «Sandra, ich bitte dich morgen um 8.00 Uhr zum Gespräch», schreibt Leonora. Sandra verkrampft sich. Was will ihre Vorgesetzte von ihr? Worum geht es? Soll sie zurückfragen, muss sie gleich antworten, eigentlich ist Sonntag, sie will nicht, aber darf sie die Nachricht einfach so unbeantwortet lassen? Sie will keinen Stress, und doch steckt sie schon mittendrin.

Am Montag treffen sich alle drei in der Praxis

Die Chefin übermüdet, Leonora angespannt und Sandra unsicher. Herzlich willkommen in einem fröhlichen Praxisteam! Dieses Szenario ist kein Einzelfall aus der Vergangenheit: Erst kürzlich beklagte sich eine Teamleiterin über das unmögliche Verhalten ihres Chefs, weil dieser mitten in der Nacht Nachrichten verschickt oder sie am Freitagabend noch per WhatsApp kontaktiert. Ihre Meinung: «Ich habe ein Problem damit, nicht nur, weil ich nicht weiss, ob er erwartet, dass ich jetzt gleich antworten muss, sondern auch, weil es mich stört, wenn ich meine Freizeit nicht geniessen kann. Wenn ich mich abgrenze und die Nachrichten ignoriere, habe ich ein schlechtes Gewissen. Was soll ich von ihm halten, der wirkt ja total überlastet, unorganisiert und überhaupt nicht souverän.»

Nachrichten zu Unzeiten sind unproduktiv

In der Tat ist es heute oft so, dass sich die Kommunikation zwischen Beruf und Privatleben vermischt. Das ist bequem. Das schadet. Das stresst. Das ist ungesund. Die Kommunikationskultur sollte in jedem Unternehmen geregelt sein. Leider erlebe ich es häufig, dass auf einem Geschäfts-Chat private Inhalte geteilt und Nachrichten rund um die Uhr verschickt werden.
Was lässt sich daraus schliessen? Nachrichten zu Unzeiten wirken nicht souverän, belasten das Umfeld und sind unproduktiv. Die Erwartung, jederzeit erreichbar sein zu müssen, hält das Stresshormon Cortisol auch in der Freizeit hoch und fördert Krankheitsausfälle. Was sich für die Führungskraft wie «schnell erledigt» anfühlt, löst beim Team belastenden Stress aus.
Wie entgegenwirken? Die Führungskraft ist Vorbild und setzt Zeichen. Nichterreichbarkeit und Sperrzeiten sollen vorgelebt und kommuniziert werden. Und wenn Johanna trotzdem unbedingt nachts schreiben will: Dann muss sie kommunizieren, dass sie vor Arbeitsbeginn keine Antwort erwartet. Oder sie versendet die Nachricht zeitversetzt. Ruhezeiten und Nichterreichbarkeit sollen respektiert werden.

Abschliessend drei Impulse gegen Stress

Schalten Sie die Geräte bewusst stumm und etablieren Sie WhatsApp primär für Privates oder echte Dringlichkeiten. Nur weil wir über die Rund-um-die-Uhr Technik verfügen, bedeutet das nicht, dass deren Nutzung gesund oder effizient ist. Denken Sie daran: Jedes «Pling» hat eine Wirkung. Sie als Führungskraft entscheiden, welche. Funkstille ist Führungsaufgabe.

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Barbara Brezovar Capobianco
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