Sorry – ich bin halt emotional!
Emotionale Führung darf empathisch und menschlich sein – doch Wutausbrüche, Unberechenbarkeit und fehlende Selbstreflexion belasten ein Team nachhaltig. Der Beitrag zeigt, warum eine Entschuldigung allein nicht genügt und weshalb Impulskontrolle zu guter Führung gehört.

Was gestern war, zählt nicht. Was morgen ist, auch nicht. Heute zählt. Heute ist ihre Arbeit dringend, heute muss es von sofort auf gleich erledigt werden, getreu dem Motto: Alles weglegen, jetzt komme ich! Und dann ärgert sie sich, wenn die Sachen für morgen liegenbleiben und diese nicht erledigt sind.
«Ich bin halt emotional!» Wie oft muss sich Tanja das noch anhören? Immer wieder überrollt ihre Chefin Martina die ganze Praxis mit ihrem Chaos. Martina ist Praxismanagerin und wird leider schnell und oft wütend, wenn das Team nicht genau das macht, was sie will.
Tanja schluckt ihren Ärger immer wieder runter. Martina ist ihre Vorgesetzte. Sie hat das Sagen. Widerrede nützt nichts. Feedback auch nicht. Tanja duckt sich, beisst die Zähne zusammen, während Martinas emotionaler Sturm über sie hinwegfegt.
Martina ist nicht immer so. Sie hat auch ihre guten Seiten. Sie ist kompetent, hat Humor, organisiert lustige Team-Events, gibt sich Mühe, beliebt zu sein. Ist sie aber nicht, und merkt es nicht. Das ganze Praxisteam mag sie nicht sonderlich, sie ist unberechenbar, ungehalten und launisch. Ihre Kolleginnen jammern bei Tanja über sie. Tanja kann nichts machen. Dr. Gutmut, der Chef, weiss Bescheid. Seine Antwort: «Sie ist halt so, wir brauchen sie». Das wars dann auch. Er hält sie für unersetzlich.
Reicht eine Entschuldigung?
Manchmal entschuldigt sich Martina: «Es tut mir leid, ich war etwas emotional und habe das nicht so gemeint». Wer kennt solche Aussagen nicht? Sie sind geläufig und häufig. Was ist dagegen einzuwenden? Eine Entschuldigung macht doch alles wieder gut. Macht sie das? Offenbar nicht, denn seit Jahren leidet die Praxis unter einer hohen Fluktuation. Für Martina ist das normal. Wenn wieder jemand gekündigt hat, ist ihre Standard-Reaktion: «Die konnte man ohnehin nicht brauchen», oder: «Es wurde eh Zeit, dass sie geht.» Bloss keine Selbstkritik. Dr. Gutmut lässt sie gewähren.
Martina ist überzeugt von sich. Sie arbeitet für eine erfolgreiche Praxis, die immer grösser geworden ist. Durch das stetige Wachstum und ihre emotionale Führung wurde es nicht ruhiger im Betrieb. Die Probleme häuften sich, die Kündigungen auch. Dr. Gutmut war nun doch etwas beunruhigt und wollte der Ursache auf den Grund gehen. Er veranlasste eine nicht-anonyme Mitarbeiter-Umfrage, um zu erfahren, wie zufrieden das Team war und wie die Zusammenarbeit mit Martina wahrgenommen wurde.
Das Team von sieben Mitarbeitenden hat den Fragebogen pflichtbewusst ausgefüllt. Dr. Gutmut war zufrieden, die Ergebnisse waren einwandfrei und das Team war mit der Führung von Martina offenbar zufrieden. Somit war für Dr. Gutmut klar: kein Handlungsbedarf. Tanja war verzweifelt. So wie ihre Kolleginnen hatte auch sie es nicht gewagt, ihre ehrliche Meinung abzugeben. Die falschen Resultate haben Martina in ihrem Verhalten nur noch bestärkt.
Sorry, ist halt so!
Hier haben wir es mit verschiedenen schwierigen Aspekten zu tun: Einer Praxismanagerin, die selbstblind ist. Einem Team, das verängstigt ist. Einer Führungshaltung, die abwertend ist. Einem Chef, der seine schwierige Mitarbeiterin für unersetzlich hält. Führungsarbeit darf und soll emotional sein, im Sinne von mitfühlend, verständnisvoll, empathisch. Aber «Ich bin halt emotional» hat in Führungssituationen nichts zu suchen. Eine erfolgreiche Führungskraft muss die Fähigkeit zur Impulskontrolle mitbringen.
Wenn man Entschuldigungen als Legitimation für Wutausbrüche benutzt, so ist das eine missbräuchliche Anwendung. Ziel ist es, sich so zu verhalten, dass Entschuldigungen gar nicht nötig wären. Solange Martina es nicht schafft, ihr Verhalten zu ändern, und Dr. Gutmut laufend wegsieht, werden die Probleme im Aussen weitergehen. Denn auch die Mitarbeitenden reagieren emotional - und kündigen. Eine Kündigung erfolgt selten, weil das Unternehmen nicht passt. Sondern hauptsächlich, weil die vorgesetzte Person nicht passt. Sorry, ist halt so
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Barbara Brezovar Capobianco
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