„Die Zukunft liegt für mich in der intelligenten Verbindung von Technologie und Handwerk“
Die Zellweger Zahntechnik GmbH in Lenzburg verbindet traditionelle zahntechnische Präzision mit digitalen Technologien und einem klaren Fokus auf Qualität, Ausbildung und Zusammenarbeit. Im Interview spricht Roland Zellweger über digitale Workflows, Herausforderungen im Markt und die Bedeutung von Handwerk in einer zunehmend automatisierten Welt.

Technologie, Workflow und Zusammenarbeit
Herr Zellweger, wie hoch ist Ihr Digitalisierungsgrad aktuell – arbeiten Sie überwiegend modellfrei oder hybrid?
Roland Zellweger: Der modellfreie Workflow macht derzeit noch einen kleineren Teil unserer Arbeit aus. Der überwiegende Anteil erfolgt in einem hybriden Workflow. Das bedeutet, dass digitale Technologien eine zentrale Rolle spielen, das analoge handwerkliche Finish jedoch weiterhin essenziell bleibt. Gerade bei ästhetisch anspruchsvollen Arbeiten ist das manuelle Feingefühl nach wie vor ein entscheidender Qualitätsfaktor.
Welche CAD/CAM- und 3D-Druck-Technologien setzen Sie aktuell ein – und nach welchen Kriterien entscheiden Sie bei Neuanschaffungen?
Zellweger: Wir verfügen über mehrere Fräsmaschinen sowie verschiedene 3D-Drucksysteme für unterschiedliche Anwendungen. Bei Investitionsentscheidungen stehen für mich zwei Faktoren im Vordergrund: Qualität und Wirtschaftlichkeit. Wenn eine neue Technologie dazu beiträgt, Werkstücke effizienter, reproduzierbarer oder qualitativ besser herzustellen, prüfen wir zeitnah, wie gut sie sich in unseren bestehenden Workflow integrieren lässt.

Totalprothetische Arbeit.

Herausnehmbare Klammerprothese..
In welchen Indikationsbereichen sehen Sie das grösste Entwicklungspotenzial?
Zellweger: Ganz klar in der Totalprothetik. In diesem Bereich wird sich in den kommenden Jahren sehr viel bewegen. Viele Hersteller investieren bereits intensiv in neue digitale Lösungen und Materialien. Insbesondere die Kombination aus digitaler Planung, automatisierter Fertigung und optimierten Werkstoffen wird den Workflow und die Versorgungsqualität nachhaltig verändern.
Wo sehen Sie in der täglichen Zusammenarbeit zwischen Praxis und Labor die häufigsten Schnittstellenprobleme – und wie lassen sich diese vermeiden?
Zellweger: Neben technischen Herausforderungen durch unterschiedliche Scanner-Plattformen ist vor allem die Kommunikation ein zentraler Faktor. Zahnärztinnen und Zahnärzte arbeiten heute häufig an mehreren Standorten oder in Teilzeitmodellen. Dadurch wird es anspruchsvoller, Rückfragen zeitnah zu klären oder Fälle gemeinsam zu besprechen. Umso wichtiger sind klar strukturierte Prozesse. Hier unterstützt uns unsere Kommunikations- und Abrechnungssoftware Condent, mit der wir Informationen gezielt austauschen und Abläufe effizient koordinieren können.
Sie haben kürzlich einen Behandlungsraum in Ihr Labor integriert. Wie verändert dieser konkret die Zusammenarbeit mit Zahnärztinnen und Zahnärzten?
Zellweger: Viele unserer Kundinnen und Kunden schätzen es sehr, dass sie ihre Patientinnen und Patienten für Farb- und Formbestimmungen oder Einproben direkt zu uns ins Labor schicken können. Durch den integrierten Behandlungsraum können wir diese Termine in einer professionellen und hygienischen Umgebung durchführen. Das erleichtert die Abstimmung zwischen Praxis, Labor und Patient erheblich und trägt dazu bei, ästhetische Ergebnisse noch präziser umzusetzen.

Der neu eingerichtete Behandlungsraum.
Organisation und Qualität
Wie ist Ihr Labor intern organisiert – gibt es klare Spezialisierungen?
Zellweger: Ja, wir arbeiten bewusst mit klaren Spezialisierungen. In jedem Bereich der Zahntechnik beschäftigen wir mehrere Fachspezialisten. Das hat klare Vorteile: Komplexe Arbeiten können auf konstant hohem Niveau umgesetzt werden, gleichzeitig bleibt das Know-how auch bei Abwesenheiten innerhalb des Teams erhalten.
Wie stellen Sie reproduzierbare Qualität über alle Produktbereiche hinweg sicher?
Zellweger: Kontinuierliche Weiterbildung ist für mich einer der wichtigsten Faktoren. Gerade in Bereichen wie der Totalprothetik, in denen aktuell viel Innovation stattfindet, ist es entscheidend, Entwicklungen aktiv zu verfolgen und ins Labor zu integrieren. Zusätzlich haben wir unsere Arbeitsabläufe klar strukturiert und standardisiert. Ergänzend führen wir konsequente Zwischen- und Schlusskontrollen durch, um eine gleichbleibend hohe Qualität sicherzustellen.
Nachwuchs und Kompetenz
Welche digitalen Kompetenzen müssen junge Zahntechnikerinnen und Zahntechniker heute mitbringen?
Zellweger: Eine Affinität zur digitalen Welt ist heute unerlässlich. Dazu gehören der Umgang mit CAD/CAM-Software, 3D-Scannern sowie Fräs- und Drucksystemen. Gleichzeitig bleibt das handwerkliche Verständnis der Zahntechnik ein zentraler Bestandteil der Ausbildung.
Ist die Ausbildung in der Schweiz ausreichend auf die digitale Realität vorbereitet?
Zellweger: Die Grundbildung befindet sich aktuell in einer Teilrevision. Eine zentrale Herausforderung liegt dabei in der praktischen Umsetzung. Viele Labore in der Schweiz sind stark spezialisiert, wodurch es nicht immer einfach ist, Lernende in allen Bereichen umfassend auszubilden. Das stellt auch Verbände sowie die Organisation der überbetrieblichen Kurse vor Herausforderungen. Gleichzeitig variieren die Vorkenntnisse der Lernenden teilweise stark, was eine ausgewogene Ausbildung zusätzlich erschwert. Als Labor, das sämtliche Disziplinen der Zahntechnik abdeckt – von festsitzender und abnehmbarer Prothetik über Kieferorthopädie bis hin zur Modellgusstechnik – sehen wir hier auch eine klare Verantwortung. Meine persönliche Vision ist es, gezielt in die Ausbildung junger Talente zu investieren und aktiv zur Zukunft unserer Branche beizutragen. In meiner Funktion im Zentralvorstand vom VZLS mit dem Res-
sort Grundbildung engagiere ich mich entsprechend auch auf Verbandsebene. Ab dem kommenden Jahr werden wir zwei Lernende pro Lehrjahr ausbilden – insgesamt also acht Auszubildende. Damit möchten wir nicht nur Wissen weitergeben, sondern auch zeigen, wie vielseitig und zukunftsorientiert unser Beruf ist – insbesondere durch die Verbindung von Handwerk, Ästhetik und moderner Technologie.

All-on-X-Brücke entstanden mit der Microlayering bzw. Maltechnik.

Fertiggestellte Modellgussarbeit.
Markt und Zukunft
Wie positionieren Sie sich als Schweizer Labor im Spannungsfeld zwischen Qualitätsanspruch und internationalem Preisdruck?
Zellweger: Wir positionieren uns klar über Qualität und Dienstleistung. Im Zentrum steht eine enge und individuelle Zusammenarbeit mit unseren Zahnärztinnen und Zahnärzten. Unser Ziel ist es, für jede Patientin und jeden Patienten eine optimal abgestimmte Versorgung zu ermöglichen. Dabei spielt die Kommunikation im Dreieck Praxis – Labor – Patient eine zentrale Rolle.
Was muss ein modernes Schweizer Dentallabor heute können, um auch in zehn Jahren noch erfolgreich zu sein?
Zellweger: Mein persönliches Motto lautet: Wenn wir nicht täglich versuchen, besser zu werden, haben wir aufgehört, gut zu sein. Neben Innovation und kontinuierlicher Weiterentwicklung ist vor allem die Freude an der Arbeit entscheidend. Wir tragen täglich dazu bei, die Lebensqualität von Menschen zu verbessern und ihnen ein unbeschwertes Lächeln zu ermöglichen. Das ist ein grosses Privileg und zugleich eine sinnstiftende Aufgabe.
Technologische Vision
Wenn Sie einen technologischen Wunsch frei hätten – welche Innovation würde die Zahntechnik revolutionieren?
Zellweger: Wenn ich technologische Wünsche frei hätte, würde ich mir eine Fräsmaschine wünschen, die sich selbst reinigt, wartet und kalibriert – und zudem Anwenderfehler erkennt. Gerade das Reinigen beim Wechsel zwischen Nass- und Trockenfräsen bzw. -schleifen ist im Alltag zeitaufwendig, belastet die Maschine und erfordert regelmäßige Wartung. (lacht – nein, Spaß!). Zirkon bearbeiten wir bei uns in der Regel getrennt auf einer zweiten Maschine. Auf der grossen Anlage kommen hingegen Materialien wie Nylon, PMMA, Composite, PEEK, Glaskeramik und Titan zum Einsatz. Ein enormer Fortschritt wäre es, diese Materialien über Nacht vollautomatisch fertigen zu können – ohne sich Gedanken über das Ergebnis oder den Zustand der Maschine machen zu müssen.
Ergänzend dazu sehe ich grosses Potenzial in KI-gestützten Systemen, die ästhetische Parameter wie Gesichtsproportionen, Mimik und Zahnformen analysieren und direkt in die Planung integrieren. Auch unterstützende Geräte zur präzisen Farbnahme sind aus meiner Sicht sehr interessant. Zudem haben wir uns ein Stück weit von der klassischen Schichttechnik entfernt und arbeiten zunehmend mit der Microlayering-Technik in Kombination mit der Maltechnik. Diese ermöglicht uns – insbesondere in Verbindung mit Lithiumdisilikat und Zirkon – eine hohe Sicherheit, Stabilität und zugleich eine anspruchsvolle Ästhetik.
Für mich liegt die Zukunft klar in der intelligenten Verbindung von Technologie und Handwerk – nicht als Ersatz, sondern als gezielte Unterstützung, um Qualität, Effizienz und Individualität weiter zu steigern.
Danke für das aufschlussreiche Interview, Herr Zellweger. Wir wünschen weiterhin viel Erfolg
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